Strategie gegen Prokrastination

Beschreibung und Diskussion persönlicher Erfahrungsberichte
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JavaBohne
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Joined: Mon 13. May 2013, 21:49

Strategie gegen Prokrastination

Post by JavaBohne » Sat 3. Oct 2015, 13:07

Es gibt viele Moeglichkeiten gegen die Prokrastination anzukaempfen. Z. B. Staerkung der Selbstregulation und Selbstkontrolle, Ausbau von Selbstbewusstsein oder Selbsterkenntnis, sich fuer eine Leistung belohnen oder zu bestrafen, um sich an bestimmte Ablaeufe zu trainieren. Ich moechte gar nicht alle nennen.

Aber immer oefter lesen wir von Computer-Software oder von Apps, die uns eine neue Strategie oder Therapie vorschlagen, die uns regelmaessig fuer unser Prokrastinieren hart bestrafen. Sei es dadurch, dass unser bisher Erbrachtes (z. B. Aufsatz oder simpler Brief) von der App geloescht wird oder sei es durch ein anderes neues Wunderding, dass zurzeit den europaeischen Markt erobert, ein bestrafendes Armband, das mit Elektroschocks die Prokrastiniererin wieder auf den Pfad der Tugend zurueckbringen soll.

Was haltet ihr von solchen Hilfsmittel? Wer hat so etwas und was ist eure Erfahrung damit oder eure Meinung dazu?

Bitte vergleicht den Link zum Welt Online Artikel, den ich hier noch einmal wiedergebe:

Weiterleitung zum Link auf welt.de

Es waere interessant eure Meinungen und Erfahrungen zu lesen.

Viele Gruesse,
JavaBohne

Trödeltrine
Posts: 83
Joined: Sat 17. Feb 2018, 21:53

Re: Strategie gegen Prokrastination

Post by Trödeltrine » Sun 8. Jul 2018, 08:48

Hallo JavaBohne,
der Thread ist zwar sehr alt, aber ich finde es schade, dass bisher nichts dazu geschrieben wurde.

Ich habe solche Tools bislang nie genutzt, kann also keine Erfahrungen beisteuern, aber eine Meinung dazu habe ich dennoch: Ich halte wenig bis nichts davon.

Vor allem Elektroschocks und zerstörte Texte halte ich für völlig übertrieben. Das ist ein Angsttraining, und ich glaube kaum, dass diese Methoden helfen, die Bildung langfristig erwünschter Synapsen im Hirn zu fördern.
Belohnung ist besser als Angst, ist letztlich aber auch eine Krücke. Selbst Kinder soll man nicht mit Zuckerbrot und Peitsche erziehen, sonst können sie sich nicht intrinsisch motivieren sondern brauchen ständig entweder eine Drohung oder einen Anreiz außerhalb ihrer selbst, der sie abhängig macht.

Es mag sein, dass auf dem Weg zur Genesung (ich spreche mal nicht von Heilung, das klingt dann immer so, als sei ein Zustand erreichbar, in dem wir nicht mal mehr in Versuchung kommen, aufzuschhieben, und vielleicht geht das nicht. Aber das Problem soweit im Griff zu haben, dass es nicht ständig unsere Lebensqualität drastisch einschränkt, wäre ja auch schon mal was, oder?) - also vielleicht brauchen wir auf dem Weg zur Genesung vorübergehend solche Tools. Aber eben wie Krücken, die nach einem Beinbruch beim Übergang vom Rollstuhl zum Selberlaufen helfen und irgendwann überflüssig sind.

Ich neige dazu, dem am Ende des Artikels zitierten Schweizer Produktivitätstrainer Ivan Blatter zuzustimmen, er sagt: „Es gibt viele tolle Apps und Tools, aber das beste Tool haben wir immer noch zwischen unseren Ohren.“
Ich würde hinzufügen: Und um uns herum in Form unserer Mitmenschen.

Meine Sicht ist: Alle diese Tools ersetzen einen Menschen. Einen Freund, eine Freundin, die mir auf die Schulter klopft wenn wir's geschafft haben, der mich ermahnt, wieder zurück an den Schreibtisch zu gehen bzw. zurück zur Arbeit am Projekt wenn ich Ablenkung gesucht habe, die mir bei einer vergnüglichen Ablenkung Gesellschaft leistet (die meisten Spiele machen doch, wenn wir ehrlich sind, deutlich weniger Spaß als die Begegnung mit echten Menschen, durchaus auch im Spiel, Rollenspiel o.ä...) und darauf achtet, dass wir rechtzeitig wieder aufhören mit der Pause und zurück an die Arbeit gehen.

Ich glaube, dass in der zunehmenden Vereinzelung der Menschen eine große Gefahr liegt. Und ich habe die Fortschritte, die ich bisher bezüglich des Aufschiebens gemacht habe, fast zu 100% der Tatsache zu verdanken, dass ich das Problem nicht mehr ausschließlich allein in den Griff zu bekommen versuche. Das schöne am Zusammenarbeiten: es hilft in der Regel beiden Seiten gleichermaßen.
Meine Tools sind momentan: Bewusstsein und Gemeinschaft. Im Gegensatz zu den Apps und Armbändern habe ich damit tatsächlich Erfahrung, und zwar sehr gute.

Nun könnte der Einwand kommen: es kann aber nicht ständig jemand neben mir sitzen bei der Arbeit. Ich sage: Das ist richtig, aber es ist auf Dauer vielleicht auch nicht nötig. Dazu müssten wir halt mehr wissen von Menschen, die über wirklich lange Zeit zusammen an dem Problem arbeiten... (Das leidige Thema mit der mangelnden Forschung betrifft ja nicht nur Medikamente etc., sondern auch die Gestaltung und Wirkung sozialer Interaktion.)
Im übrigen helfen die Apps und Armbänder auch nur so lange, wie ich willens bin, sie zu aktivieren bzw. anzulegen. Ein Mensch, wenn er hartnäckig genug ist, hilft mir auch in Situationen, wo ich das Armband in die Ecke pfeffern oder die App deaktivieren würde bzw. ganz vom Rechner weggehen oder so.

Die Erkenntnis dieser Überlegungen ist für mich folgende:
Egal wie toll ein Tool ist - damit es wirken kann, braucht es die grundlegende Entscheidung der anwendenden Person, es auch wirklich anzuwenden. Also die grundlegende Entscheidung für eine Verhaltensänderung.
Das gilt selbst für das "Tool Mensch": ich kann eine Verabredung absagen, ghosten, die Freund*innen wieder rauswerfen bzw. selbst den Ort des gemeinsamen Tuns verlassen, etc. pp.... Aber beim menschlichen Gegenüber ist das deutlich schwieriger, weil Menschen flexibler und kommunikationsstärker sind als Apps und elektronische Armbänder.
Es klingt hart, was ich nun an den Schluss dieses Posts setze, aber es ist momentan meine feste Überzeugung - von der ich nur in Bezug auf mich selbst sagen kann, dass ich mir sicher bin. Bezüglich aller anderen Betroffenen könnte ich mich irren, dass müsst Ihr alle selbst für Euch prüfen! Aber ich gehe momentan davon aus: letztlich sind wir Prokras in diesem Punkt ganz genau wie Alkoholiker und andere Leute, die von etwas einfach nicht los kommen: Es gibt Hilfen, aber wenn wir nicht selbst im tiefsten Grund unserer Seele anders handeln wollen, dann kann uns die genialste Therapie und das tollste Tool nicht helfen.

Und nun füge ich doch noch etwas an, um möglichen Missverständnissen vorzubeugen: Das schließt selbstverständlich Irrwege, Rückfälle und Scheitern aufgrund für uns unpassender Therapieansätze nicht aus, leider. Und das macht es so verteufelt schwer oftmals, vor allem wenn die eigene Überzeugung aufgrund eingeschränkten Selbstwertgefühls oder anderer problematischer Persönlichkeitsmerkmale oder demotivierender Äußerungen anderer Menschen immer wieder geschwächt wird... aber an alle dem lässt sich ja arbeiten, das ist ja alles nicht in Stein gemeißelt, bei niemandem. Stichwort Neuroplastizität...

@Java
Du warst lang nicht mehr online, schade. Aber mich interessiert, was Du dazu meinst. Oder hast Du schon aufgegeben? Aber vielleicht hast Du grad einfach nur anderes zu tun als im zu 99% eingeschlafenen Forum immer mit der selben Trödeltrine zu kommunizieren. ;)

@all
Los, haut mal in die Tasten. Wie soll denn was besser werden, wenn wir uns nicht bewegen, austauschen, in Aktion und Interaktion gehen?

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