Lernen vom Habit Revearsal Training?

Beschreibung und Diskussion persönlicher Erfahrungsberichte
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Trödeltrine
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Joined: Sat 17. Feb 2018, 21:53

Lernen vom Habit Revearsal Training?

Post by Trödeltrine » Wed 15. Aug 2018, 20:21

Liebe Leute,

in einem anderen Thread (dort nämlich http://www.prokrastination.net/forum/vi ... 86ba9dbb05) kam die Frage auf, ob eine verhaltenstherapeutische Therapiemethode namens Habit-Reversal-Training (kurz HRT) vielleicht beim Kampf gegen das Aufschieben hilfreich sein könnte.
Hier https://de.wikipedia.org/wiki/Habit-Reversal-Training findet Ihr in Kurzform mehr zum HRT.
Es geht vor allem darum, den Impuls zu einer schädlichen Handlung (z.B. Haut aufkratzen, Haare ausreißen u.ä., den Impulskontrollstörungen zugeordnete Verhaltensweisen) zunächst zu bemerken und dann eine Handlung auszuführen, die genau dem bisherigen (schädlichen) Verhalten entgegensteht bzw. es verunmöglicht (z.B. Faust ballen wenn man sich ein Haar ausreißen will - das geht dann nämlich nicht mehr). Dies wird dann verstärkt und nach und nach generalisiert.

Ich schrieb im alten Thread damals folgendes:
"[In der letzten Zeit] hatte ich ein paar Momente, in denen ich genau das gemacht habe:
xy war zu tun, und ich merkte den Impuls, es zu schieben. Beobachtete mich selbst dabei und beschloss, dem Impuls nicht zu folgen sondern das Gegenteil zu tun: Es JETZT zu beginnen. Es hat WAHNSINNIG viel Kraft gekostet, in diesem einen Moment, diesen 3-4 Sekunden, nicht den alten Weg der Vermeidung, des Davonlaufens, der Ablenkung oder Passivität zu gehen, sondern den neuen der Aktivität (und zwar nicht irgendeiner, sondern genau die gerade vor mir liegenden Aufgabe anzupacken). Das Gefühl unmittelbar danach war gigantisch.
Immer, wenn ich es schaffe, das zu wiederholen, habe ich das Gefühl, gleichzeitig Protagonistin und Zeugin eines besonderen Ereignisses zu sein. Es fühlt sich wirklich unvergleichlich an. Und ich glaube, dass es - für mich - der Knackpunkt ist. Es geht natürlich auch um Listen, Pläne, Strategien, innere Einstellung usw... - aber es geht, was die Frage des zur Gewohnheit gewordenen Nicht-Tuns betrifft, um die schlichte (und doch so schwere) Umkehrung: hin zum TUN."

Weiter ging es mit folgenden Überlegungen von mir:

"Also diese Sache mit dem Umkehren der Gewohnheit scheint mir vielversprechend.

Allerdings schafft das von uns "harten" Prokrastinierer*innen niemand im Alleingang, will ich mal behaupten. Und damit meine ich, dass auch eine Therapie mit wöchentlichen Sitzungen nicht reicht. Sondern es müsste täglich für eine gewisse Zeit oder sogar mehrmals eine Therapeutin ins Haus (oder Büro, je nachdem, wo das Hauptproblem gerade liegt) kommen und direkt vor Ort direkt an den bestehenden Aufgaben trainieren. Ist meine Meinung.

Aber ich hab noch niemals von einer Therapieform gehört, bei der das so lief, weiß auch nicht, ob das mal erforscht wurde. Klar macht das mehr Aufwand und damit kostet es mehr Geld. Wenn es aber, im Gegensatz zu allen bisherigen Ansätzen, wirksam ist, wäre das sehr gut angelegtes Geld und immer noch deutlich billiger für die Krankenkassen, als die vielen vielen Burnout- und Depressions- usw. Kuren für die Behandlung der Folgen des Aufschiebens. ..."

Und dann fügte ich später noch hinzu:

"... in einer erfolgversprechenden Therapie müsste es möglicherweise genau darum gehen: nicht nur über das Problem reden, sondern auch im Kontakt zwischen therapierender und aufschiebender Person die Veränderung herbei zu führen, mit andern Worten: die Patientin in der akuten Situation des möglichen Aufschiebens zu begleiten und darin zu unterstützen, es diesmal anders zu machen.

Ich habe keine Möglichkeit einer solchen Therapie, aber wenn meine Entschlusskraft und meine allgemeine Energie und Bewusstheit es zulassen, arbeite ich momentan genau damit: JETZT nicht sozusagen reflexartig dem vertrauten Weg folgen, sondern INNEHALTEN und eine ENTSCHEIDUNG treffen: Will ich weitermachen wie bisher, mit allen bekannten Folgen, oder will ich den neuen Weg gehen?
Manchmal klappt es, den neuen Weg zu gehen. Und da ich von der Neuroplastizität des menschlichen Gehirns ausgehe, nehme ich an, dass mit jedem Mal, da ich es schaffe, die entsprechenden Synapsen mehr werden bzw. die "neuronalen Pfade breiter", so dass Fortschritt und möglicherweise sogar etwas, das [eines Tages] einer Heilung nahekommt, möglich werden kann."

Was meint Ihr dazu?
Gibt es hier Menschen, die vielleicht in einem anderen Zusammenhang als der Prokrastination schon Erfahrungen mit Habit-Reversal-Traiining gemacht haben?
Findet Ihr Euch in meinen Ausführungen wieder, hattet Ihr auch schon mal solche Momente und könntet Euch vorstellen, dass es möglich ist, die Prokrastination auf diese Weise in den Griff zu bekommen, wenn es möglich wäre, so etwas wie HRT auf systematische Art und Weise einzusetzen?

(Übrigens kam ich auf diese Weise noch zu einer weiteren Frage, aber die gehört in einen extra Thread, falls es ihn nicht schon gibt: Was tun wir denn statt der Tätigkeit, die wir aufschieben? Sicherlich zuweilen nur nichts, aber doch nicht den ganzen Tag!)

Gespannt auf Eure Erfahrungen und/oder Gedanken grüßt freundlich
die Trödeltrine

leonardo
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Re: Lernen vom Habit Revearsal Training?

Post by leonardo » Thu 16. Aug 2018, 13:53

Liebe Trine,
das HRT erinnert mich an die Konfrontationstherapie bei Angsterkrankungen. In Kurzform: Wenn du z.B. Höhenangst hast, dann musst du dich immer wieder auf hohe Gebäude begeben, idealerweise in Begleitung eines Therapeuten. Die Herausforderung muss immer weiter gesteigert werden. Grundsätzlich funktioniert diese Therapie durchaus, ist aber äußerst anstrengend und schmerzhaft, wie du schon bemerkt hast. Ethisch durchaus grenzwertig, so etwas mit seinen Patienten zu veranstalten!

Ich bevorzuge die Startegie der kleinen Schritte, über die ich schon an anderer Stelle im Forum geschrieben habe. Diese Strategie mach eigentlich genau das Gegenteil: Die Schritte werden so klein gemacht, dass jeder sie machen kann. So kommt erst gar keine Angst auf, die vermutlich unser wirkliches Problem darstellt. Anstrengung ist hier ein Fremdwort!

Viele Grüße
Leo

Trödeltrine
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Joined: Sat 17. Feb 2018, 21:53

Re: Lernen vom Habit Revearsal Training?

Post by Trödeltrine » Thu 16. Aug 2018, 16:19

Lieber Leo,
wie schön, dass Du mal wieder den Weg ins Forum gefunden hast! *freu*
Da muss ich doch gleich meinen Vorsatz, mal ein wenig Forumspause zu machen, nochmal revidieren und Dir antworten:

Ich glaube, ich hab das HRT missverständlich dargestellt. Es geht nicht unbedingt so sehr um Überwindung wie beim (tatsächlich auch in meinen Augen ethisch manchmal grenzwertigen) Konfrontationsansatz der VT, sondern - jedenfalls soweit ich es verstehe - darum, dass ein automatisierter Impuls gestoppt und die Handlung in eine andere Richtung gelenkt wird.
Dass ich von immenser Anstrengung geschrieben habe, ist kein Teil des Konzepts sondern war eine persönliche Beobachtung von mir und liegt daran, dass ich es tatsächlich einfach sehr sehr schwer fand, einen anderen als den gewohnten Weg zu gehen. So wie es - und nun kommt ein ziemlich abgedroschenes Bild aus der VT, sorry... - viel mehr Anstrengung bedeutet, sich zu Fuß mit der Machete einen neuen Pfad durch bisher völlig undurchdrungenes Dickicht zu schlagen, am besten noch bergauf, als sich einfach mit dem Auto auf der gut ausgebauten, mindestens dreispurigen Autobahn bergab rollen zu lassen. Das eine geht fast von selbst, das andere erfordert deutlich mehr Aufmerksamkeit, Willenskraft und Energie. Und bevor ich den neuen Weg ebenso leicht nehmen kann wie die Autobahn, muss ich das mit der Machete noch öfter machen bzw. noch länger dort entlanggehen, bis die Spur breiter wird, der Pfad zum Weg, der Weg zur Straße...

Ist verständlich geworden, was ich meine?

Das verträgt sich meines Erachtens auch sehr gut mit der Strategie der kleinen Schritte, die Du anführst und die ich inzwischen auch für wesentlich halte. Wir experimentieren momentan in der Selbsthilfegruppe genau damit: eine ganz kleine Gewohnheit etablieren, und zwar nach dem Motto "Nur für heute", das dem 12-Schritte-Konzept abgeschaut ist. Nur heute werde ich um 23 Uhr den Tag beenden und um Mitternacht schlafen. Oder fünf Minuten Vokabeln lernen. Oder den Müll rausbringen oder eine andere kleine Tätigkeit im Haushalt machen. Oder zu einem bestimmten Zeitpunkt mit meiner Arbeit beginnen (egal wie viel oder wenig ich dann schaffe, aber ich setze mich hin und fange an). Wenn das dann viele Tage hintereinander geklappt hat, kann ich mich steigern. Aber ebenfalls in ganz kleinen Schritten.

Und ja, ich geb Dir völlig recht, dass das nicht das gleiche ist wie die Salamitaktik (an anderer Stelle im Forum ging es mal darum, hab ein wenig gelesen vorhin, wirklich spannend!). Vielleicht bietet sich auch eine Kombination an, aber manchmal ist auch das eine oder andere geeigneter, je nach Aufgabenstellung bzw. Persönlichkeitsstruktur der anwendenden Person.

In jedem Fall stelle ich fest - und das ist der Punkt, auf den ich hinaus will - dass es mir (egal welche Taktik ich anwende, kleine Schritte, Salami, Pomodoro oder wie sie alle heißen) immens schwer fällt, vom guten Vorsatz der Anwendung der Taktik zum tatsächlichen Tun zu kommen.
Und in genau diesem Moment, im Moment der Entscheidung, ob ich wirklich zur Zahnbürste greife und mich damit Richtung Tagesende begebe oder ob ich doch noch mal "nur ganz schnell" dies und das im Internet nachschaue oder "nur für den Fall..." nochmal "eben kurz" in meine Mailbox gucke, greift bei mir (das ist meine Beobachtung bei mir, kann bei anderen natürlich völlig anders sein!) die Sache mit dem Impuls und der Kontrolle:
Ist die alte Gewohnheit stärker, oder kann ich meinen Impuls (in dem Fall das Bedienen des An-Knopfes am Rechner) stoppen und stattdessen die Bewegung und die Willenskraft umlenken hin zu der Tätigkeit, die ich stattdessen ausführen und mir angewöhnen möchte?
Dafür brauche ich ein waches, scharfes Bewusstsein, unbedingte Ehrlichkeit mit mir selbst und eine Prise (oder auch etwas mehr) Willenskraft. Das ist, auch wenn der Schritt sehr klein zu sein scheint, schon ziemlich viel auf einmal, finde ich. Für viele von uns zu viel. Und darum gelingt es uns eben doch oft nicht, jedenfalls nicht allein.

Darum meine Idee: Wenn eine prokrastinierende Person dies nicht alles auf einmal allein aufbringen müsste, sondern wenn es therapeutische Begleitung im Tun an Ort und Stelle gäbe und nicht nur ein wöchentliches Plauderstündchen, bei dem Vorsätze gefasst und Pläne geschmiedet werden, die dann aber nicht unmittelbar umgesetzt werden können, dann wäre das doch vielleicht ein möglicher Schritt nach vorn.
Auch weil die Synapsen im Gehirn dann eine Chance haben, sich neu zu bilden. Denn das passiert meines Wissens beim Tun doch nochmal anders und ggf. weitaus nachhaltiger als wenn ich nur drüber nachdenke. (Wobei hier noch die Frage nach der selffulfilling prophecy interessant sein könnte, aber das ist ein Exkurs, der mir hier grad zuviel würde.)

Sowohl das, was mit therapeutischer Direktbegleitung angegangen wird als auch die Aufgaben, an denen dann der Transfer geübt wird, sollten natürlich nicht zu groß sein. Das meine ich mit Kombination mit kleinen Schritten. Also ich nehme mir nicht vor, statt ewig wach zu bleiben und Zeit zu vertrödeln ein großes Abendprogramm mit Meditation, Körperpflege, Yoga, Tagebuchschreiben, Romanlesen etc. anzuzetteln, sondern nur: Zähneputzen. Dann vielleicht noch Rückenübungen (die mache ich nun schon seit vielen Monaten mit der Taktik der kleinen Schritte: es reichte anfangs auch 5x Schulterkreisen in jede Richtung, jetzt sind es 20x und noch 4 isometrische Übungen obendrauf). Aber mehr muss nicht passieren. Nur für heute. Der morgige Tag ist morgen dran.

Ja, so in etwa. Und ich glaube an "geistig-seelische Muskeln". Nämlich dass sowohl die Aufmerksamkeit als auch die Willenskraft der Übung bedürfen und mit der Zeit größer werden können, wenn wir sie nur ausdauernd trainieren. (Das schafft kaum jemand allein, selbst die motiviertesten Sportler haben Trainer, die nicht nur die richtige Ausführung und Technik lehren bzw. überwachen, sondern die auch immer wieder zur Motivation beitragen, schon allein durch ihre schiere Anwesenheit...)
Meine Meinung. Bin weiterhin sehr an Euren Gedanken, Erfahrunge, Beobachtungen interessiert.

pro-cras
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Joined: Sun 19. Aug 2018, 16:08

Re: Lernen vom Habit Revearsal Training?

Post by pro-cras » Tue 21. Aug 2018, 11:01

Hallo,
ich finde, in diesem Teil der Diskussion seid ihr bereits auf einem höchst anspruchsvollen und zielführenden Niveau der Prokrastinationsvorbeugung angelangt! Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung – die hohe Schule des bewussten Handelns. Ich selber bin an den Punkt des Innehaltens über die Beschäftigung mit der Alexander-Technik gelangt, die körperlichen und schmerzhaften Fehlhaltungen (bei Musikern sehr häufig) mit bewusstem Innehalten und Korrigieren auf die Schliche kommt.
Bleibt der offene und wichtige Punkt des „allein oder mit (therapeutischer) Begleitung“. Grundsätzlich ist für mich die persönliche Unabhängigkeit oberstes Gebot. Um die zu erreichen kann für einen begrenzten Zeitraum eine enggeführte Begleitung nützlich wenn nicht notwendig eine (wie Gips oder Krücke beim Beinbruch, und eine fachgerechte Reha). Letztendlich aber ist es eine Frage der persönlichen Selbst- und Weiterentwicklung, ob ich mich den Mühen (oder Freuden?) der Autonomie unterwerfe. Du schreibst von WAHNSINNiger Anstrengung und schilderst damit letztendlich einen emotionalen Kraftakt, den du dir ersparen kannst, wenn du dem „Sinn hinter dem Wahn“ in einer ruhigen Minute mal nachspürst. Auf der such nach therapeutischen Konzepten zur Überwindung von Prokrastination bis ich unter anderem auf die Meditation gestoßen. Inzwischen steht sie für mich auf der gleichen Stufe wie die ober erwähnte Inhibition. Und was das Training des geistig-seelischen Muskels angeht, so ist das wohl kaum anders wie für das körperliche Training. Es ist ein Training der Selbst-Disziplin, der Bereitschaft, für ein sauber definiertes Ziel aus der Komfortzone herauszutreten.

Nicht immer aber bewegt sich der/die Prokrastinierer/in in diesen Sphären. Oft hilft es, auch mal wieder in den Niederungen der Organisationsverbesserung, des Zeitmanagements, der Kommunikationsentflechtung, der Planung nachzuschauen, ob wir nicht von dort nach "morgen" gebeamt werden ;)

Trödeltrine
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Joined: Sat 17. Feb 2018, 21:53

Re: Lernen vom Habit Revearsal Training?

Post by Trödeltrine » Mon 10. Sep 2018, 18:46

Hallo pro-cras!
ich finde, in diesem Teil der Diskussion seid ihr bereits auf einem höchst anspruchsvollen und zielführenden Niveau der Prokrastinationsvorbeugung angelangt!
Danke für das Kompliment!

Ja, die Alexander-Technik... coole Sache! Leider hab ich nur wenig gelsen und hatte nur wenige Stunden, aber das Bisschen hat - für leider vorübergehende Phasen, aber immerhin - einiges bei mir bewirkt. Vor allem der Gedanke des "Use of the Self", des eigentverantwortlichen Umgangs statt bloß immerzu Opfer meiner eigenen Unzulänglichkeiten zu sein, lebt immer mal wieder auf in mir.

Auch zur Meditation stimme ich Dir zu (ich übe seit knapp zwei Jahren, allerdings mit der mir eigenen Unregelmäßigkeit (weil ich das Sitzen zu oft aufschiebe, obwohl es kein bisschen aversiv besetzt ist und spüre sehr deutlich, wie gut mir das Innehalten tut).
Allerdings hilft es mir sehr, das nicht allein tun zu müssen, und ich finde momentan, dass das Annehmen solcher Hilfen, die bei mir zur Zeit oft über "ja" oder "nein" entscheiden, erwachsener ist als zu glauben, es allein schaffen zu müssen, und dann doch regelmäßig zu scheitern weil ich eben noch nicht allein erwachsen bin (seelisch/geistig/emotional...).

Ein paar Gedanken noch zu meiner - momentanen - Sicht auf Autonomie/Unabhängigkeit von (therapeutischer) Hilfe:
Ich schaffe Erleichterungen für meine anstrengenden Veränderungsprozesse, also das Vermeiden der Wahn-sinnigen Anstrengung, momentan eher in Gesellschaft. Das heißt was für mich! Denn früher hatte ich geradezu zwanghaft die Auffassung, alles allein schaffen zu müsen (Glaubenssatz: "Wer Hilfe braucht, ist unzulänglich.") Der (Un-)Sinn hinter dem Wahn ist also in meinem Fall vielleicht ein übertriebenes Bedürfnis nach (m.E. falsch verstandener) Autonomie?
Ich glaube, wenn wir Autonomie im Sinne der idealistischen Philosophie begreifen (nach Wikipedia "die Fähigkeit, sich als Wesen der Freiheit zu begreifen und aus dieser Freiheit heraus zu handeln"), dann bedeutet die von mir selbst initiierte und gestaltete Annahme von Hilfe durch Mitmenschen nicht einen Verlust der Autonomie, sondern das von meiner Vernunft durchaus auch beförderte Eingeständnis, dass alles allein zu schaffen weder möglich noch notwendig ist.
Wobei ich da einen großen Unterschied sehe zwischen Therapie oder Coaching einerseits und einer Selbsthilfegruppe bzw. unterstützenden Seilschaften auf Augenhöhe.
Ersteres sollte eine Krücke sein für Übergangszeiten, letzteres kann mich gern mein Leben lang begleiten in dem Bewusstsein, dass wir Menschen beides sind: Individuen und soziale Wesen. In diesem Spannungsfeld lebe ich, liebe ich, arbeite, lerne, wachse ich mein Leben lang. Es ist schön, Dinge allein zu tun, und es ist schön, Dinge gemeinsam mit anderen zu tun. Die Frage ist, wie autonom ich entscheiden kann, ob gerade das eine oder das andere für mich bzw. meine Mitmenschen "dran" ist. Just my two cents... :-)
Und vielleicht ist die SHG doch etwas mehr als ein nettes Extra, vielleicht "brauche" ich sie auch ein wenig - so, wie eine Brille, wenn ich eine Sehschwäche habe. Die guckt nicht für mich, aber sie erleichtert es meinen Augen und meinem Gehirn. Schauen muss ich immer noch selbst.
Auch mit SHG muss ich immer noch selbst meinen Kram machen, die Gruppenmitglieder tun das nicht für mich. Aber sie erleichtern mir das Selber-Tun, u.a. in dem wir uns gegenseitig erinnern, motivieren, gemeinsam über unser aller Stärken und Schwächen und Seltsamkeiten lachen....

Aber nun bin ich weit abgekommen vom HRT. Dahin zurück: Ich glaube schon, dass die bisherigen Therapiekonzepte profitieren würden von einer Erweiterung hin zum gemeinsamen Tun am Anfang. Lernen unter Anleitung ist ja in vielen Berufen etwas ganz normales. Z.B. war ich neulich als "Modell" beim Friseur: eine Auszubildende schnitt mir die Haare. Über weite Strecken stand der Ausbilder daneben, machte vor, sie machte nach, er beobachtete, korrigierte gelegentlich, lobte und bestätigte, wenn sie unsicher schaute, woraufhin sie Strähne für Strähne sicherer wurde. Es war faszinierend, das zu sehen. Und es war gut für meinen Haarschnitt, dass er sie nicht einfach machen ließ und hinterher kam und sagte, was alles falsch war, sondern sie begleitete und ihr dadurch half, in ihre Hirnwindungen gleich die Synapsen für die richtigen Haltungen und Bewegungen von Kamm und Schere einzupflanzen....
Und was das Training des geistig-seelischen Muskels angeht, so ist das wohl kaum anders wie für das körperliche Training. Es ist ein Training der Selbst-Disziplin, der Bereitschaft, für ein sauber definiertes Ziel aus der Komfortzone herauszutreten.
Ich stimme zu. Und aus der Komfortzone heraustreten bedeutet Anstrengung. Schweiß und so. Sohlenabrieb. Bisschen Verlust ist immer...
Wahnsinnig sollte die Anstrenung nicht sein, dann übersteigt sie (meist) meine Kräfte. Aber es ist wohl was dran, dass Kinder und Jugendliche an überwundenen Schwierigkeiten, also an geleisteter Anstrengung, Selbstwirksamkeit lernen und dadurch Zufriedenheit erlangen. Und nebenbei erwachsen werden. Irgendwas fehlt mir da noch... ging es mir zu gut früher?
Nicht immer aber bewegt sich der/die Prokrastinierer/in in diesen Sphären. Oft hilft es, auch mal wieder in den Niederungen der Organisationsverbesserung, des Zeitmanagements, der Kommunikationsentflechtung, der Planung nachzuschauen, ob wir nicht von dort nach "morgen" gebeamt werden ;)
;-) Also ich bin sicher, bei mir ist's eine Mischung aus Sphären und Niederungen. Ich komme dem Problem am ehesten bei, wenn ich es von beiden Seiten einkreise.
Ist ja beim HRT auch so: es wird an der Oberfläche der konkreten Handlungsveränderung gearbeitet, aber auch danach gefragt, was hinter/unter dem Zwang steckt....

Genug für heute. Danke fürs Lesen!
Trödeltrine

pro-cras
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Joined: Sun 19. Aug 2018, 16:08

Re: Lernen vom Habit Revearsal Training?

Post by pro-cras » Wed 19. Sep 2018, 18:23

Hallo, zunächst Hallo an die „Säulen“ dieser Sammlung von Foren.

Es gibt hier viele angedachte Threads, und in manchen habe ich bereits meine Ansichten hinterlassen, manchen haben Reaktionen nach sich gezogen, so wie ich auf bestimmte Reaktionen geantwortet habe. Meine Frage: Gibt es, rein technisch gesehen, deutlich sichtbare Hinweise, einen Blinker o.a. dann, wenn Threads (und welche) einen neuen Beitrag bekommen haben, oder welcher der Beiträge eine Antwort? Bei der Durchsicht selbst alter Beiträge finde ich vieles Kommentierungswürdiges, und ich finde Threads, die nach Monaten oder Jahren wieder aufleben. aber ich fürchte, Neues dazu landet zum Schluss in einer großen Unübersichtlichkeit, oder einer gewissen Frustration, wenn bestimmte Gedankengänge unbeantwortet hängen bleiben. Beispiel; Gemeinsam in den Kampf … und dann Lernen vom HRT. Ich hatte mal was dazu gesagt, das Grundlage eines langen Kommentars wurde – und ich habs irgendwie nicht mitbekommen. Tut mir echt leid. Müsste ich für mich einen Beitrags-Kalenderliste führen mit spezieller To-do-Liste? Wie handhabt ihr das?

Und nun ein besonderes Hallo an Trödeline!

Zur HRT möchte ich noch anmerken:

Lesen kann ich darüber:
„Habit-Reversal-Training hat sich als "...sehr effektive Behandlungsmethode bei nervösen Verhaltensgewohnheiten…“ bewährt, bei "… Problemen, die in Verhaltensketten eingebettet sind und durch ständige Wiederholung aufrechterhalten werden...", "... Habit-Reversal-Training besteht aus verschiedenen Behandlungsmodulen …", "... Die Methode benötigt nur wenige Therapiesitzungen …“.
Ich verweise auf die gehäufte Nennung der Wörter Therapie und Behandlung.

Davon abgesehen, dass ich den Hinweis auf eine solche Therapie unter der Themen-Gruppe „Therapien" vermuten würde, will ich bemerken, dass Therapie und Behandlung immer zu trennen sind von Selbsttherapie und Selbstbehandlung! Auch wenn ich therapiestützende Übungen nach fachgerechter Einführung selber fortsetzen kann und auch sollte, macht es Sinn, sich und das therapeutische Anliegen der initialen und zeitweise Obhut des/r Therapeuten/in zu unterstellen – so man ihn/sie denn in dieser Rolle anerkennt. Sich SO zu verhalten WIE in einer xy-Therapie ersetzt kaum die Therapie an sich. Weil wahrscheinlich die Kompetenz fehlt, zumindest aber, weil die Rolle des/der Therapie-Vermittlers/in unbesetzt bleibt. Wie wichtig diese/r ist, zeigt sich am Beispiel der Fern-, internetgestützten oder per Mail oder Skype durchgeführten „BeHANDlung“. Manches geht, manches geht gar nicht.
Interessieren würde ich, ob unter den Anwesenden jemand bereits Erfahrung mit HRT gemacht hat, und welche.
Dann würde ich es vermutlich unter "Erfahrungsberichte" suchen?
Liebe Grüße
pro-cras

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JavaBohne
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Joined: Mon 13. May 2013, 21:49

Re: Lernen vom Habit Revearsal Training?

Post by JavaBohne » Thu 20. Sep 2018, 10:33

pro-cras wrote:
Wed 19. Sep 2018, 18:23
....Meine Frage: Gibt es, rein technisch gesehen, deutlich sichtbare Hinweise, einen Blinker o.a. dann, wenn Threads (und welche) einen neuen Beitrag bekommen haben, oder welcher der Beiträge eine Antwort? ...... Beispiel; Gemeinsam in den Kampf … und dann Lernen vom HRT......
Liebe Grüße
pro-cras
Hallo pro-cras,

nun, jeder Thread, der eine neue Antwort bekommt, wird in der Themenliste chronologisch nach ganz oben gesetzt und an der linken Seite rot markiert. Wenn du online gehst, wird dir das sicherlich nicht entgangen sein. Somit ist schon sichergestellt, dass neue Threads oder Antworten genuegend kenntlich gemacht werden. Technisch geht hier wie bei den allermeisten anderen Foren auch nicht viel oder gar nicht mehr.

Ein weiterer Punkt, den du ansprichst ist, dass einige Threads oder Kommentare in einen anderen Bereich verschoben gehoeren. Nun, es ist in vielen Faellen schier unmoeglich einen Kommentar oder einen Thread so sauber von anderen zu trennen, dass ein Verschieben oft keinen Sinn macht. Selbst du kommentierst in deinen Posts verschiedene Themen in einem Kommentar. Sollte ich daher deine Kommentare zerpfluecken und in diverse Threads oder Foren verschieben/kopieren? Das macht kein Sinn.

Diese Diskussion des Verschiebens hatte ich bereits in der Vergangenheit und mehrere Foristen haben mir mit nachvollziehbaren Argumenten mitgeteilt, dass eine saubere Trennung in vielen Faellen nicht erwuenscht wird und in manchen Faellen sogar den Sinn eines Strings zunichte macht. Diesem Wunsch habe ich mich gerne angeschlossen und werde auch in Zukunft nur noch dann verschieben, wenn es meiner Meinug nach dringend erforderlich ist. Im Augenblick bin ich mit dem Verlauf der Diskussionen und die Art und Weise, wie miteinander umgegangen wird, mehr als nur aeusserst zufrieden.

Viele Gruesse,
JavaBohne
Moderator

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