Tausend Fragen zur Prokrastination und keine Antwort?

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JavaBohne
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Tausend Fragen zur Prokrastination und keine Antwort?

Post by JavaBohne » Sun 2. Sep 2018, 21:24

Liebe Foristen,

Wer sich durch das Internet wuehlt, Zeitungs- und Magazinartikel, individuelle Fach-Webseiten, und Buecher von namhaften Autoren und Forschern liest oder sogar mit seinem individuellen Therapeuten spricht, stellt fest, dass es nicht immer eindeutig ist, welche Prokrastination und welches Leiden angesprochen wird.

Gibt es unterschiedliche "Prokrastinationsstaemme", -arten oder nur eine einzige? Ist die Prokrastination chronisch, also nicht heilbar, oder ist sie eine Persoenlichkeitsstoerung und daher gut zu behandeln? Ist sie vielleicht vererbbar und haben die Eltern und Grosseltern sie uns "vermacht"? Oder haben wir uns die Prokrastination ueber jahrelanges "Training" angeeignet? Oder ist es uns von den Eltern anerzogen worden? Und unter welcher Prokrastination leiden wir nun eigentlich?

Wie sieht es mit der Diagnose und Behandlung aus? Laesst sich die Prokrastination generell behandeln/therapieren? Erzeugt sie Depressionen oder wird die Prokrastination durch Depressionen ausgeloest?

Wie passen neuere Forschungen, z. B. Gene, vergroesserte Amygdala, veraendertes Gehirn bzw. veraenderte Gehirnvernetzung bei Prokrastinatoren und Prokrastinatorinnen, etc. in das alte Konzept der vorherrschenden Therapien - wenn ueberhaupt nachhaltige Therapien angeboten werden?

All diese Fragen beschaeftigen mich seit ueber aktiven zehn Jahren. Nachvollziehbare und akzeptable Antworten blieben hingegen fast immer aus. Oder waren so unterschiedlich, dass sie wiederum unbrauchbar waren.

Ich bitte euch, eure Erfahrungen mit mir zu teilen.

Viele Gruesse,
JavaBohne

pro-cras
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Re: Tausend Fragen zur Prokrastination und keine Antwort?

Post by pro-cras » Tue 4. Sep 2018, 12:35

Hallo JavaBohne,

ich lese seine Fragen, aber ich weiß doch nicht, was du willst, und was brauchst! Ist es eine Handhabung für dein ganz eigenes Prokrastinationsproblem, oder suchst du die „Weltformel“? Es frustriert dich vielleicht (und verständlicherweise), dass Prokrastination ein sehr komplexes Geschehen ist und eine symptomatische Antwort auf sehr unterschiedliche und sehr unterschiedlich stark ausgeprägte Ausgangslagen. Ein Problem, das sich der schnellen Lösung entzieht. So fasst du in knappen Worten all das zusammen, was derzeit überhaupt an Aspekten dazu zusammengetragen werden kann, und findest trotzdem die Antworten nicht akzeptabel oder nachvollziehbar.

Vielleicht meinst du aber auch etwas anderes: Dass die Antworten nicht eins zu eins zu deinen eigenen Prokrastinationserfahrungen passen, und zwar dergestalt, dass du sie quasi als Reparaturmodul einschiebst und dann künftig Herr deiner Lage bist?

Veränderung ist möglich, wenn sie dich betrifft

Spätestens mit Gerald Hüther ist die Plastizität des Gehirns eine Standardformel geworden, die uns vertrauen lässt, dass gegebene (egal ob durch Vererbung oder Erlernen – da gibt es keine Dualität sondern ein Kontinuum), unser Verhalten beeinflussende Manifestationen unserer grauen Zellen weiterhin und noch lange Zeit formbar sind. Die dafür beschreitbaren Wege werden von der medizinischen Psychologie ebenso wie von vielen komplementären Mitstreitern vorgeschlagen und weiterentwickelt bzw. immer mehr dem Einzelfall angepasst. Zwischen Methylphenidat und Homöopathie, zwischen klinischer und buddhistischer Psychotherapie, zwischen Verhalten und Glauben liegen naturgemäß Welten, die der Therapiekonsument theoretisch in jede Richtung durchschreiten könnte (ähnlich dem Urlaubsplanenden, der mit seinem Reise-Katalog zwischen Meer und Berge, In- und Ausland, Bildungsreise und Ballermann blättern kann), wenn da nicht letztendlich seine eigenen Vorgaben, seine Vorlieben und Idiosynkrasien wären, die bereits mehr oder weniger bewusst eine Vorauswahl getroffen haben.

Jeder Weg und jedes Ziel hat seine Berechtigung ("wer heilt hat Recht"), und es wäre unfair, die eigen Unfähigkeit zur Entscheidung und zum sich Einlassen der Vielfältigkeit der Möglichkeiten anzulasten. Vielmehr kommt es darauf an, die eigene Bedarfslage möglichst genau einzuschätzen und so einer Veränderung zugänglich zu machen (Fehler bleiben trotzdem möglich, und Umwege erhöhen gerne die Ortskenntnis).

Öffnung des Entscheidungsraums

Da Handlungsblockaden immer auch Entscheidungsblockaden bedeuten, letztere also genauso in das Störungsbild der Prokrastination gehören, bediene ich mich zur Entscheidungsfindung gerne des dialektischen Instruments des „Tetralemma“: Ein Coaching-Tool aus der systemischen Strukturaufstellung, das aus der altindischen Logik abgeleitet und von Matthias Varga von Kibéd zu einem Prozessschema entwickelt wurde, und das helfen kann, innere Widerständigkeiten aufzuweichen, Dualitäten zu lösen und dadurch Entscheidungen möglich zu machen. Oder einfach mal ein reflexartiges "aber" durch ein "und" ersetzen.

Die Lösung findet sich nicht im Außen


Wenn es weniger darum geht, das Phänomen der Prokrastination allgemein, möglichst vollumfänglich zu beschreiben, sondern eher, für sich einen Weg da heraus zu finden, glaube ich aus eigener und aus beruflicher Erfahrung, dass man an einer (gegebenenfalls geführten) Selbstanalyse und an der Arbeit am eigenen Willen nicht vorbeikommt. (Wie eine solche Selbstanalyse einigermaßen standardisiert und komplett selber durchgeführt werden kann, kann ich dir gerne als roten Faden an die Hand geben.)

Danach ist es letztlich nicht die Methode oder das Verfahren, das den Erfolg bringt, sondern die Konsequenz, das Projekt „Prokrastinationsbekämpfung“ als das Seine anzuerkennen. Dann wirst du herausbekommen, was in dir von deinem Prokrastinieren profitiert. Schließlich geht es nur noch um das, was du willst - ob deiner Absicht also auch ein profunder Wille unterlegt ist.

Ich habe "meine" Prokrastination (die mir wohl von Anfang an als lebenslänglich zugedacht war) endlich in ihrer emotionalen Wirkungsweise durchschaut und als Teil meiner Vergangenheit mit all ihren bösartigen Folgen angenommen, so dass ich sie nicht mehr bekämpfen muss. Heute gehe ich so damit um, wie ein Zen-Meditierender die Gedankensprünge seines Hirns handhabt: "OK, da ist du wieder, und du darfst gleich wieder gehen, und ich habe meine bewährten Techniken, damit du nicht bleibst" (Techniken, die mit meiner ganz speziellen, höchst eigenen Prokrastination zu tun haben, weil sie genau dafür ausgewählt wurden). Zu chemischen Eingriffen in ein so sensibles Geschehen wie die Steuerung von Neurotransmittern bin ich allerdings nicht zu bewegen.

Mit herzlichem Gruß
pro-cras

PS: Ich habe übrigens zum Thema Gehirn heute einen Post zu der von die vorgestellten Studie hinterlassen, der dich auch interessieren dürfte

pro-cras
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Re: Tausend Fragen zur Prokrastination und keine Antwort?

Post by pro-cras » Tue 4. Sep 2018, 17:18

Hallo JavaBohne,

dazu, was (meiner Meinung nach) Prokrastination bei all den von dir genannten Aspekten meiner Meinung nach ist, bin ich dir noch eine Antwort schuldig geblieben. Hier meine Definition:

Ich behaupte: Prokrastination ist ein von einer Person eingesetztes Verhalten, das zum Ziel hat, eine individuelle Angst vor Beschädigung ihres Selbst zu bekämpfen, und das die Sorge bedient, diese Angst nicht anders als durch Prokrastinieren abwehren zu können.

Wenn du diese Definition nicht nur auf ihren Gültigkeit, sondern und vor allem auf ihre Tauglichkeit für deine Prokrastinationsüberwindung hin überprüfen wolltest, müsstest du in einem ersten Teil prüfen, ob es bei der von dir beklagten Prokrastination tatsächlich um ein Schutzverhalten geht (selbst wenn es paradox erscheint), dann: was geschützt werden soll, und: wovor es schützen soll.

einem zweiten Teil müsstest du herausfinden, inwieweit die Diagnose „Angst“ für eine Prokrastinationsüberwindung hilfreich ist. Ob es also Wege gibt, Angst einzudämmen.

Hierfür wäre weiterhin notwendig, den durch die befürchtete Beschädigung als gefährdet angesehenen Bereich des Selbst zu benennen, und schließlich, die Art der damit verbundenen Angst zu definieren.

In einem letzten Schritt wäre zu klären, wie du gerne mit der Angst umgehen willst. Manchmal scheint es gut, sie noch ein wenig zu behalten, bis du wirklich bereit bist, vielleicht magst du dich mit ihr konfrontieren, bist vielleicht mutig genug, durch sie hindurch zu gehen. Vielleicht suchst du jemanden, der dich bei der Konfrontation unterstützt.

Würde ich diesen Weg exemplarisch für eine frei gewählte Form der Prokrastination ausprobieren wollen, nehmen wir z.B. die „administrative Prokrastination“, also das nicht öffnen von Briefkästen, Briefen, Mahnungen oder behördlichen Aufforderungen, so müsste als erstes die Anfangs genannte Definition anwendbar sein.

Die Erfahrung zeigt, dass tatsächlich das Nichtöffnen eines Briefes aus einer konkreten oder auch irrationalen Angst heraus geschieht, denn für den von administrativer Prokrastination Betroffenen ist der Briefkasten die Höhle des Löwen, die Schlangengrube überhaupt, in der (ebenso wie in der Post) Gefahr droht: Konfrontation, Verlust, autoritäre Drohformulierungen, Enttäuschung, Mahnung, Vollstreckungsanordnung, insgesamt narzisstischer Verletzung und Persönlichkeitsvernichtung. Das subjektiv empfundene Schutzbedürfnis kann immens sein, auch wenn es objektiv anders sein sollte. Paradox.

Für Teil 1 wäre festzustellen, dass ein (bisher vermiedenes) Öffnen von Briefen also scheinbar und vordergründig Schaden vermeidet, das Nicht-Öffnen hingegen erst Schaden brächte. Nur ein großer Bogen um den Ort des Unheils herum schützt vor Gefahr, alle anderslautenden, etwa rationalen Gedanken, haben da gegen keinen Bestand.

Ein anderes Beispiel? Du schiebst eine wichtige Aufgabe auf, weil die Sonne so schön scheint, weil du jetzt keine Lust auf Anstrengendes hat, weil du den Anfang nicht findest … Egal, suche die Befürchtung, die dich aufschieben lässt: Die Befürchtung etwas Schönes zu verpassen, irgendetwas wieder einmal nicht hinzukriegen, Unsinn zu verzapfen … Befürchtungen halt, die mit deinem Selbst zu tun haben. Probier*s aus. Oder: Du schiebst auf, weil dir die Aufgabe stinkt, oder der Auftraggeber, die Planung, die Bezahlung, das ganze Projekt? Was musst du schützen: deinen Stolz, deine Wut, deine Eitelkeit, deine Autonomie? Einfach mal neugierig sein, anschauen, was ist.

Für Teil 2 wäre zu überprüfen, wie die Angst, die hinter der Befürchtung steckt, zu definieren und zu benennen ist, an was sie konkret in deinem bisherigen Erleben erinnert, welche Rolle sie bisher für dich gespielt hat, und wie es dir in früheren Zeiten gelungen ist, mit ihr zu (über-)leben. Auch bei der Prokrastination hat die Angst einen Ort im Gedächtnis, vor allem auch im Körper, an dem sie sich bevorzugt aufhält. Komme ihr auf die Spur, mach sie dingfest, gibt ihr einen Namen, ein Gesicht. Es geht nie um allgemeine Erklärungen. Es geht immer um dich, um deine Prokrastination. Deine Art, mit Angst umzugehen. Sie ist ein Kondensat deiner Erfahrungen.

Der Rest des Weges ist Technik. Technik aus Therapie, Coaching, Neurologie und zwischenmenschlicher Kommunikationstheorie, und Planung, Ordnung, Disziplin, und dem Willen zur Veränderung. Im Zweifel gibt es Spezialisten dafür: Therapeuten, Coaches, Pfarrer, Unternehmensberater, Freunde, gute Geister, starke Gedanken, Rituale, Einsichten, und Liebe - zu sich selbst und zu sem großen Ganzen.

Schreib bitte, wenn du Konkreteres brauchst
Herzliche Grüße
pro-cras

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JavaBohne
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Re: Tausend Fragen zur Prokrastination und keine Antwort?

Post by JavaBohne » Wed 5. Sep 2018, 10:58

pro-cras wrote:
Tue 4. Sep 2018, 12:35
Hallo JavaBohne,

ich lese seine Fragen, aber ich weiß doch nicht, was du willst, und was brauchst! Ist es eine Handhabung für dein ganz eigenes Prokrastinationsproblem, oder suchst du die „Weltformel“? Es frustriert dich vielleicht (und verständlicherweise), dass Prokrastination ein sehr komplexes Geschehen ist und eine symptomatische Antwort auf sehr unterschiedliche und sehr unterschiedlich stark ausgeprägte Ausgangslagen. Ein Problem, das sich der schnellen Lösung entzieht. So fasst du in knappen Worten all das zusammen, was derzeit überhaupt an Aspekten dazu zusammengetragen werden kann, und findest trotzdem die Antworten nicht akzeptabel oder nachvollziehbar. ....

Mit herzlichem Gruß
pro-cras

PS: Ich habe übrigens zum Thema Gehirn heute einen Post zu der von die vorgestellten Studie hinterlassen, der dich auch interessieren dürfte
Hallo Pro-Cras,

vielen Dank fuer deine sehr langen Ausfuehrungen. Aber eigentlich habe ich weder meine Prokrastination noch die eines anderen Leidenden beschrieben, sondern habe ganz allgemeine Fragestellungen ins Forum geworfen, um eine Diskussion anzuregen. Dies scheint mir gelungen zu sein.

Wie sehen die anderen Foristen das? Wie sehen eure Erfahrungen und Entwicklungen diesbezuegich aus. Auch Pro-Cras hat einige interessante Punkte aufgefuehrt. Was meint ihr dazu? Erkennt ihr euch irgendwie darin wieder?

Viele Gruesse,
JavaBohne

pro-cras
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Re: Tausend Fragen zur Prokrastination und keine Antwort?

Post by pro-cras » Thu 6. Sep 2018, 09:01

Hallo JavaBohne,

wenn die Diskussion zu deinen Fragestellungen (auf die ich mich auch schon gefreut hatte) nicht so recht in Gang kommen will, mag das vielleicht daran liegen, dass – auch in diesem Blog und bereits unter der Anfangsrubrik „Grundlagen“ – zum Thema Prokrastination schon sehr viel an Grundsätzlichem und Praktischem zusammengetragen wurde, dem also kaum noch etwas hinzuzufügen wäre – außer eben die Aktionsbereitschaft des Einzelnen im Einzelfall.

Vielleicht sollten wir uns noch einmal ins Gedächtnis rufen, das „Prokrastination“ nicht der wirklich adäquate Begriff ist, der ja vom Wort her das „morgen“ (mit all seinen Derivaten) ausdrückt. Meiner Meinung nach sollte vielmehr das „Nicht jetzt!“ Betonung finden. Ich jedenfalls mache die Erfahrung, dass ich mich gerne selbst davon überzeugen möchte, dass nicht jetzt der richtige Moment ist, weil mir jetzt die Lust fehlt, der Mut, die Kraft, die Zeit. Irgendwo schwebt dann noch die Hoffnung, dass das alles „morgen“ besser sein würde. Aber vorrangig geht es nicht um "morgen", sondern um das nicht geeignete „jetzt“.

Grundsätzlich kann man sich nun überlegen, dass es eigentlich ein recht gewagtes Spiel ist, auf die Ungewissheit eines „morgen“ zu vertrauen, und ein übler Verrat an dem, was das Leben im Jetzt zu bieten hat.
Wer aber nicht immer wieder aufs Neue sich motivieren und einem frustrierenden Kampf mit sich selbst stellen will, der kann durchaus ein paar Sicherheitsleinen ziehen: Planung, Ordnung, Disziplin, Prinzipien, Belohnungen, Pausen, freundliche Erinnerer. Und wer über seine Befürchtungen stolpert und von ihnen zurückgehalten wird, sollte irgendwann dahinterkommen, dass er diese nur überwinden wird, wenn er ihnen direkt und frech mitten ins Gesicht sieht.

Eine hilfreiche Art (nicht als praktischer Tip, wohl aber für die Seelenarbeit) ist übrigens das Buch vom Eckart Tolle: Jetzt! Die Kraft der Gegenwart.
Herzliche Grüße
pro-cras

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JavaBohne
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Re: Tausend Fragen zur Prokrastination und keine Antwort?

Post by JavaBohne » Sat 8. Sep 2018, 19:54

Hallo Pro-Cras,

Natuerlich, Vieles ist bereits in anderen Unterforum dargestellt, aber moechten die Foristen tatsaechlich in uralten, teilweise weit ueber zehn Jahre zurueckreichenden Kommentaren wuehlen (altes Forum), oder wollen sie eher zu neuen, wenn auch gleichen Fragen Stellung beziehen? Jede neue, alte Frage, gerade unter neuen Mitgliedern wird eher angenommen, als auf einen uralten Post zu verweisen und darauf reagieren zu muessen oder sollen. Und im Augenblick sind hier eher neue Mitglieder als die alten vertreten. Hinzuzufuegen ist doch sicherlich Etliches, da die Forschung im Bereich der Prokrastination in den letzten zehn Jahren sicherlich Einiges geleistet hat. Somit koennen Forumsmitglieder sicherlich aus alten Fragen, Neues ableiten und ihr erworbenes Wissen zur Verfuegung stellen.

Es hat sich in der "modernen" Zeit in den letzten Jahren eingebuergert, Altes infrage zu stellen, Schlechtes gut und Gutes schlecht zu reden. Mit dem Begriff Prokrastination kann die Gesellschaft eigentlich zufrieden sein. Wenn alte Bezeichnungen geaendert oder abgeschafft werden sollen, nur weil sie heute anders interpretiert werden, werden Probleme erweitert, Loesungen blieben aber dann auf der Strecke. Hier geht es ums Verschieben, Nichterfuellen, Ausweichen, vielleicht sogar "wegrennen" von – unter Anderem - Aufgaben und Pflichten. Das "verschieben auf Morgen" ist doch nur symbolisch zu sehen - und das war von Anfang an so gedacht, weil damals niemand wusste, worum es sich bei diesem Phaenomen handelt. Naja, heute ist man in dieser Frage nicht viel weiter, weshalb der "alte" Ausdruck Prokrastination sicherlich noch allgemeingueltig ist.

Fast jeder Mensch muss sich immer wieder aufs Neue motivieren, um sich zu entwickeln und seine Ziele zu erreichen und das praktisch jeden Tag. Das wird vielen Menschen gar nicht bewusst, aber sobald z. B. berufliche Ziele angestrebt werden - ausgeloest durch einfache, neue Aufgaben oder sogar komplexe, die ein staendiges Lernen erfordern - wird dies noetig. Wer als Loesung dessen Sicherheitsleinen wie Planung, Ordnung, etc. sieht, trifft eher den Nerv von "genervten" Prokrastinatoren, die genau damit ein Problem haben, denn viel zu viele Therapeuten, Motivationstrainer, etc. , beziehen sich auf diese Punkte, die aber von den Leidenden nicht erfuellt werden koennen. Genau hier liegt das Problem, dass Prokrastinatoren genau das nicht koennen und zu oft Therapien als nicht erfolgreich ansehen und abbrechen. Meiner Erfahrung nach ist die Mehrheit der Prokrastinatoren nicht in der Lage sich selbst zu organisieren, daran aendert leider in den allermeisten Faellen auch eine Therapie nichts, die Frage ist, warum nicht! Sieh dich hier im Forum um. Dieses Forum und das Internet ist voll von Aussagen, wie sinngemaess "mein Therapeut hat ueberhaupt nicht verstanden, was mein Problem ist…!" Hier muessen eindeutig andere Loesungsansaetze gefunden werden. Und dafuer muessen andere Loesungen als z. B. "hey, du musst dich motivieren…., arbeite diese Listen ab und alles ist gut" gefunden werden. Wenn niemand genau weiss, was die Prokrationation ausloest oder was die Prokrastination genau ist, kann demnach kaum eine nachhaltige Therapie aufgebaut werden.

Daher komme ich auf eine meiner angeregten Diskussionen zurueck "Was ist Prokrastination" ueberhaupt? Wodurch wird sie ausgeloest? Was sind die Ursachen? Was beinhaltet Prokrastination? Solange unter Anderem diese Fragen nicht von fuehrenden Wissenschaftlern eindeutig erkannt und geklaert werden, und solange nicht daraufhin Therapieansaetze entwickelt werden, solange wird das Problem im Raume stehen.

Viele Gruesse,
JavaBohne

Trödeltrine
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Re: Tausend Fragen zur Prokrastination und keine Antwort?

Post by Trödeltrine » Mon 10. Sep 2018, 20:39

JavaBohne wrote:
Wed 5. Sep 2018, 10:58
Wie sehen die anderen Foristen das? Wie sehen eure Erfahrungen und Entwicklungen diesbezuegich aus. Auch Pro-Cras hat einige interessante Punkte aufgefuehrt. Was meint ihr dazu? Erkennt ihr euch irgendwie darin wieder?
Hallo JavaBohne,

in den Ausführungen von Peter Nellen hier und im Thread "Vielgesichtiges Aufschieben" erkenne ich sehr wesentliche Gedanken, Stationen, Erfahrungen und Entwicklungen meiner Auseinandersetzung mit meiner persönlichen Prokrastination wieder.
Ich stimme Peter in den wesentlichen Punkten sehr weitgehend zu (nur bei "Wer heilt hat Recht" bin ich bisserl skeptisch, weil die Definition von Heilung mir bislang recht divers erscheint, und das Buch von Eckehard Tolle hab ich schon vor vielen Jahren in die Ecke geworfen weil ich es vollkommen furchtbar fand) und bin ihm von Herzen dankbar für seine vielen und mir sehr hilfreichen Beiträge hier im Forum.

Mir erscheint wichtig, dass weiter geforscht wird auf der Grundlagen-Ebene, für die große Masse der Betroffenen, zu der auch ich gehöre.

In der Zwischenzeit, also bis die Wissenschaft vielleicht eines Tages wirklich gesicherte Erkenntnisse zum Warum-Wieso-Weshalb und zur Heilung oder zur Unheilbarkeit der Prokrastination in all ihren Formen, Varianten und Schattierungen gefunden hat, finde ich in dem, was Peter zusammengetragen hat, und in dem, was ich - teils gemeinsam mit oder angeregt durch die MitstreiterInnen der Münchner SHG - über mich und meine individuelle Prokrastination herausgefunden habe, sehr gute Grundlagen für meinen persönlichen Weg. Ob der letztlich zu einer Heilung von oder einem zufriedenen Leben mit der Prokrastination führen wird, das kann ich momentan noch nicht sagen, es erscheint mir persönlich für meine Auseinandersetzung damit auch momentan nicht so wichtig.

Als besonders hilfreich für mich persönlich hat sich in den letzten ca. zwei Jahren eine Art "Forscherhaltung" erwiesen, und zwar eine zweigleisige:
a) Was hilft ganz praktisch und konkret und wie schaffe ich es, die als sinnvoll erkannten Tools auch tatsächich anzuwenden? -> Stichwort (Selbst-) Hilfe
b) Suchende Erforschung meines Inneren und des "vielgesichtigen" Facettenreichtums meiner Prokrastination, also vielleicht in etwa das, was Peter meint wenn er im anderen Thread schreibt
dass Prokrastination nicht die "Krankheit", die "Störung" ist, sondern das Alarmsignal, das Symptom, das es vorrangig nicht zu behandeln, sondern zu befragen gilt". [Hervorhebung von mir]

Tja, und dann ist da noch das Stichwort "Erwachsenwerden" (und "Verantwortung"). Das begleitet mich schon lange, aber ich bin ihm oft ausgewichen. Jetzt tu' ich das etwas seltener, sehe es als ein ganz wesentliches Schlüssel-Thema an und profitiere sehr davon. Darum hab ich zu jedem der drei Beiträge, die Peter Nellen im Bereich "Literatur" bei den drei Fragen "Was ist Prokrastination?" (Angewohnheit, Arbeitsstörung, genetisch bedingt) hinterlassen hat, nur ganz leise "Wumms!" gesagt und mit dem Kopf genickt.
Leider ist es wohl genau so. Jedenfalls bei mir.
Aber hey - jetzt, wo ich es kapiert habe, kann ich es ja ändern und bin schon längst dabei, und es passiert auch schon was!!! *freu*

In diesem Sinne und hoffend, ich konnte ein wenig zur Beantwortung Deiner Fragen beitragen, grüßt freundlich
die Trödeltrine

pro-cras
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Re: Tausend Fragen zur Prokrastination und keine Antwort?

Post by pro-cras » Wed 12. Sep 2018, 14:54

Hallo JavaBohne
ich kann mit deinen Ansichten nicht konform gehen - sie sind m.E. nicht schlüssig und führen nicht weiter, vor allem nicht heraus aus der Prokrastination. Dies wäre aber das vorrangige Ziel in einem solchen Blog. Mich im Kreis bewegen kann ich woanders.

Zunächst eine Frage: Deute ich deine immer wieder neu angestrengte Suche nach dem idealen Therapeuten, dem richtigen, erfolgversprechenden, also ultimativen Therapieansatz durch Kenntnis der wahren Auslöser vielleicht doch richtig als die nicht offen zugegebene Suche nach dem Stein der Weisen oder, wie von mir bereits formuliert, nach der Prokrastinations-"Weltformel"? Dann aber habe ich meine Zweifel, dass mir persönlich das generalisierte Wissen weiterhilft. Was nützt es dem ins Wasser gefallenen, wenn er die Formel H2O kennt, aber nicht schwimmen kann, und ihm keiner einen Rettungsring zuwirft?

Wenn wir bereitwillig konzedieren, dass jeder "seine" Wege geht, die Dinge zu tun oder nicht zu tun, müssen wir uns auch eingestehen, dass auch die besten Wissenschaftler hier vor einer unlösbaren Aufgabe stehen. Aber mal ehrlich: Müssen wir wirklich eine eindeutige Antwort suchen auf eine vielschichtige, mehrdeutige Frage? Sollten wir nicht viel mehr wieder lernen, mit Mehrdeutigkeiten umzugehen? Die digitale Welt hat mit ihrer Reduzierung auf simple 0 und 1-Fixierungen zwar das Verwalten und Verwaltetwerden erleichtert, und aber in unseren persönlichen und emotionalen Dingen keinen Gefallen getan.

Warum die Suche nach "der (einen)" Therapie? M.E. ist es ein Fehler zu glauben, dass die "richtige" Therapie Prokrastination heilen kann. Allenfalls die fachkundig "richtige" Begleitung, ausgewählt und angewendet vom "fachkundigen", "verstehenden" Begleiter im situationsfokussierten Einzelfall wäre akzeptabel - wobei wir anerkennen müssen, dass Menschen, die nach Hilfe und Unterstützung suchen, nicht unbedingt bereit sind, sich zu verändern. Wer sich hier positiv erklärt, hat den halben Weg schon geschafft.

Martin Rufer schreibt in seinem Buch Erfasse komplex, erfasse einfach: Systemische Psychotherapie als Praxis der Selbstorganisation - ein Lernbuch: "Oft würde es helfen, zu wissen, dass es mindestens der Hälfte alle Menschen genauso schlecht geht wie einem selbst. Das Leben ist eine mühsame Sache, oder, um es abzukürzen: life sucks." (Das ist auch ein Aspekt, der für Selbsthilfegruppen spricht.)

Und: "Vielleicht haben wir es tatsächlich verlernt, mit Lebenserfahrungen umzugehen, die Leid mit sich bringen. Heilung wird zunehmend externalisiert." (Wohlgemerkt: Es soll nicht geübt werden, das Leid zu ertragen, wohl aber, den Informationsgehalt des Leides anzunehmen und zu erforschen!)

Lass es mich einmal so ausdrücken: Solange Prokrastinierer darauf hoffen (dürfen, wollen, möchten), dass jemand die Möglichkeit und Notwendigkeit einer eindeutigen Diagnose oder einer genialen Therapie in Aussicht stellt - und gleichzeitig einwendet, dass die ganze Angelegenheit eigentlich dafür viel zu komplex sei, werden sie ihrer Selbstheilungskraft und ihrer Selbstwirksamkeit nachhaltig beraubt, und ihnen bleibt ihre Prokrastination dauerhaft erhalten. Erst wenn sie bereit sind, sich genau und kritisch im Spiegel anzuschauen und sich in ihrer Gesamtheit, also auch mit ihren Schwächen kritisch wahrzunehmen, fühlt sich ihr Innerstes aufgerufen, etwas zu ändern. Auch bei Prokrastination gibt es Spontanheilung. Sie ist nicht das Ergebnis einer applizierten ultimativen "Therapie", sondern einer tief begründeten Bereitschaft zur Umkehr, der Ausdruck einer unerschütterlichen Absicht: Jetzt reicht's.

Damit dieser Wunsch nicht an hinderlichen Oberflächenstrukturen hängen bleibt, ist es hilfreich, angesichts des kritisch wahrgenommen Spiegelbildes ein paar wichtige Fragen zu sich selbst zu stellen, wie sie beispielsweise in dem von mir propagierten LEZGO!-Leitfaden vorsortiert sind: Welche lernbaren Dinge fehlen, welche Emotionen oder Erfahrungen stehen im Wege, welche Ziele sollten neu formuliert werden, bin ich geprüftermaßen fit und gesund - körperlich und mental, wo kann ich mit zeitlich, räumlich, personell neu organisieren, und was meldet sich da noch? Je mehr das arbeiten darf und berücksichtigt wird, umso unwohler fühlt sich die Prokrastination.

Liebe Grüße
procras

The_desperate_one
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Re: Tausend Fragen zur Prokrastination und keine Antwort?

Post by The_desperate_one » Wed 12. Sep 2018, 15:19

Wow, cooler Beitrag, procras!

Der Satz "Oft würde es helfen, zu wissen, dass es mindestens der Hälfte alle Menschen genauso schlecht geht wie einem selbst. Das Leben ist eine mühsame Sache, oder, um es abzukürzen: life sucks." hat mich gerade sehr aufgemuntert.

Der Rest hat mich zum Nachdenken angeregt, denn tatsächlich liegt ja JavaBohnes, meine und anderer Foristen Stabilität der Prokrastination auch an unseren Persönlichkeiten / Einstellungen, die vielleicht in bestimmten Nuancen überdacht gehören ;) .

Bei mir z.B. sind die von Dir formulierten "Ziele" auch ein gehöriges Thema. Ich empfinde mich als teilweise ziellos, vermeide Zielentscheidungen und tue mir schwer mit Abwägungen bezüglich Zielen, so dass ich mir die meisten Ziele schlecht rede und daher wenige habe. Außerdem sind meine Ziele bis auf vielleicht wenige Ausnahmen sehr im Fluss, das heißt ich verwerfe sie gern und formuliere neue, so dass ein Schlingerkurs entsteht. Ziele die ich dann doch noch habe, stehen im Konflikt mit dem Wunsch nach - nennen wir es psychischem Energiesparen oder Haushalten mit psychischer Energie. Um einige Sprichworte abzuwandeln ("Ohne ein Ziel ist kein Wind günstig.", "Man kann auf dem falschen Dampfer nur kurz in die richtige Richtung laufen"): Mein Ich-Segelschiff zielt nicht nur alle paar Stunden auf einen unterschiedlichen Hafen, es fährt auch unter halben Segeln - Schwierig, so irgendwo anzukommen und das Gefühl des dem Sturm Ausgeliefertseins nimmt überhand. Aber die fast pausenlos schwere Brandung liegt in Wirklichkeit auch an den Entscheidungen des Skippers. In meinem Fall geißelt der Skipper sich außerdem noch regelmäßig selbst, fährt aber mit den restlichen Handlungen wie gehabt fort.

leonardo
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Joined: Sat 25. May 2013, 14:39

Re: Tausend Fragen zur Prokrastination und keine Antwort?

Post by leonardo » Wed 12. Sep 2018, 16:26

Ich bin auch so ein ewig Suchender. Vielleicht steht die Lösung ja im nächsten Selbsthilfebuch? Ist einfacher, als mal etwas wirklich bis zum Ende durchzuziehen.

Also mein Bauchgefühl sagt mir, dass dieses ewige Suchen nur eine andere From von Prokrastination ist.

Viele Grüße
Leo

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