Die siegreiche Heldin (m/f)

Beschreibung und Diskussion persönlicher Erfahrungsberichte
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pro-cras
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Joined: Sun 19. Aug 2018, 16:08

Die siegreiche Heldin (m/f)

Post by pro-cras » Mon 15. Oct 2018, 09:41

Liebe Foristen,

In den meisten von uns ist tief im Innern einmal etwas gründlich beschädigt worden: Ein autoritärer Vater, eine toxische Mutterbeziehung, verstörende Begegnungen oder traumatisierende Erlebnisse, sie trafen uns oft schon ganz am Anfang und in einer Phase körperlicher und seelischer Anpassungsnotwendigkeit, und sie haben zu jenen persönlichen Verhaltensmustern geführt, die wir erst viel später erkennen und noch viel später zu durchschauen lernten. Dann kommt der Moment, an dem wir begreifen, dass wir das eigentlich gar nicht sind. Die falschen Lebensäußerungen immer wieder aufs Neue abzuspulen wird in Frage gestellt, und der egoistische Wunsch zur Selbstverwirklichung kommt an die Oberfläche: als direkte emotionale oder gedankliche Formulierung, oder als unbewusster Widerstand gegen das Falsche, der uns aufgezwungen wurde.

Es geht um uns, unsere ureigenste Bestimmung und unseren Weg dahin.

Mythen, Märchen oder Video-Games transportieren diesen Gedanken durch alle Generationen hindurch: Der Held wirft seine Fesseln ab und macht sich auf die Suche. Ob Drachentöter oder Krimhild, ob Peer Gynt oder The Quest, der Weg ist schmerzhaft, aber er muss gegangen werden. Held und Heldin begegnen Helfern, Widersachern, göttlichem Beistand und teuflischen Versuchungen, aber immer bleibt es an ihnen alleine hängen, ob sie obsiegen oder scheitern – oder besser: fast alleine, denn es gibt noch eine Größe, die ihnen hilfreich zur Seite steht: ihr eigenes Wunsch-Bild, diese tief innen wohnende Vorstellung davon, was zu ihnen gehört, und was nicht, und das ihnen sagt: So geht es nicht weiter!

Die Überwindung von Prokrastination bleibt eine Herausforderung zuallererst für den direkt Betroffenen selbst. Ratgeber, Therapeuten oder Heiler. Bachblüten, Akupunkturnadeln oder Homöo-Pillen, Verhaltensänderungen, Frustrationsakzeptanz oder Zeitmanagement – dies alles folgt neugierig und bereitwillig der Richtung, die der Wille, das Wollen, die definierte Absicht vorgeben.

Heilung kann nur von innen heraus erfolgen, Therapie regt im günstigsten Falle die Reaktivierung der Kompassnadel an, Ratgeber können bei der praktischen Umsetzung nützliche Tipps und Tricks geben, die zentralen Begriffe aber heißen:

Selbstmanagement,
Selbstregulation,
Selbststeuerung,
Selbstständigkeit,
Eigenverantwortung und
Eigenentscheidung zum autonomen Handeln.

Man mag es drehen und wenden und googlen wie man will, die wichtigsten Silben stehen in dieser Aufzählung ganz am Anfang: „Selbst“ und „Eigen“. Wenn dieses „Selbst“ anfängt zu rumoren und die Schale aufzubrechen, kann man ihm dabei helfen – muss es sogar, denn es hat Hilfe verdient. Und es ist existenziell wichtig, dass dieser Geburtsprozess nicht auf halbem Wege stecken bleibt. Diese Lust am eigenen Selbst will genährt und gestärkt werden, und braucht Platz. So wie Kinder, die beginnen, ihre Welt zu entdecken, auch laut und störend sein dürfen, so soll das genauso für den Erwachsenen gelten, der sich seiner unbegründeten Ängste, seiner untauglichen Überzeugungen, seiner übergestülpten Beschränkungen entledigt.

Wo dafür der Mut herkommt? Diese Frage ist nach innen an das „Selbst“ zu richten, und von dort wird sie auch beantwortet - meist in Form einer Bitte!

Liebe Grüße
pro-cras

Trödeltrine
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Joined: Sat 17. Feb 2018, 21:53

Re: Die siegreiche Heldin (m/f)

Post by Trödeltrine » Tue 16. Oct 2018, 11:25

Dankeschön für diesen Beitrag!!!

Wie ich an anderer Stelle schon schrieb, hätten mich solche Gedanken, die ich auch selbst schon hatte, zu meinen depressiv(er)en Zeiten vollends fertig machen können, weil sie meine zusätzlich lähmenden Schuldgefühle verstärkten.

Aber die Schuldfrage bringt uns an dieser Stelle nicht weiter.
Das (zur Depression neigende) Individuum in der Prokrastinationsschleife kann an der Schuldfrage sogar zerbrechen, wenn darin verharrt wird, jedenfalls sehe ich diese Gefahr zuweilen bei mir und anderen.
Was dagegen weiterhilft, mir jedenfalls, ist die Verantwortungsfrage.
Es mag die Schuld von wem oder was auch immer sein (Eltern, Gesellschaft, Hirnstoffwechsel oder sogar die Gene), dass ich Prokrastiniererin geworden bin. Die Verantwortung, das aber nicht zu bleiben, habe ich allein.
Niemand kann mir die Entscheidung abnehmen.
Dass dann andere Zuständige Mit-Verantwortung übernehmen könnten/sollten/wollten, indem ich Unterstützung erfahre, steht auf einem weiteren Blatt und ist erst der zweite Schritt.

Es gibt einen wunderbaren Satz, der dazu passt und - soweit ich weiß- in der 12-Schritte-Bewegung entstanden ist:
"Du allein kannst es, aber Du kannst es nicht allein."


Kein Superheld, keine Superheldin kommt ohne Hilfe durchs Abenteuer. Aber es würde sich nicht um Superheldentum handeln, wenn die betreffende Person von den Helferinnen auf dem Weg vorwärts gezerrt bzw. zum ersten Aufbruch mit Drohungen, Peitschen und Erpressungen gedrängt würde statt aus eigenem Entschluss den Anfang zu wagen und jeden Tag neu die Entscheidung zu treffen, den Weg weiter zu gehen.

Noch einen Satz, der mir persönlich sehr viel bedeutet hat und noch bedeutet in meinem Leben mit der Prokrastination, möchte ich mit Euch teilen, weil er so gut passt zum Thema der eigenverantwortlichen Entscheidung, des Mutes und der helfenden Kräfte:
"Sobald Du Dich auf den Weg machst, öffnet der Horizont seine Grenze."

Wie oft hab ich das erlebt, in der Natur beim Wandern oder in meinem Leben mit aufgeschobenen und dann angegangenen Projekten und Aufgaben: Alles scheint statisch, unüberwindlich, begrenzt durch spätestens die Horizontlinie. In dem Moment, in dem ich den Fuß hebe und den ersten Schritt mache, ändert sich der Blickwinkel und verschieben sich die Grenzen. Wenn ICH mich BEWEGE, ist der Zustand nicht mehr statisch.
Wenn etwas hinter mir liegt, von dem ich mich dadurch entferne, oder etwas zu meiner Seite steht, dass ich dann nicht mehr oder weniger gut erreichen kann, können diese Wege schmerzhaft sein. Aber ich komme doch nur woanders hin, in dem ich den aktuellen Standort verlasse.
Das klingt alles ziemlich banal - ist es vielleicht auch. Trotzdem ignorieren wir all diese Tatsachen, wenn wir prokrastinieren und uns einen der größten möglichen Schmerzen zufügen: sinnlos vergeudete Lebenszeit, die nie mehr zurückkommt.

In diesem Sinne schließe ich nun diesen Beitrag und wende mich wieder der heutigen ToDo-Liste zu, auf der das Forum eigentlich gar nicht vorkam... ;)

T.

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