"Heute fange ich wirklich an!" von A. Höcker, M. Engberding und F. Rist

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Trödeltrine
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Joined: Sat 17. Feb 2018, 21:53

"Heute fange ich wirklich an!" von A. Höcker, M. Engberding und F. Rist

Post by Trödeltrine » Fri 30. Mar 2018, 16:08

Untertitel: Prokrastination und Aufschieben überwinden - ein Ratgeber.
2017 im hogrefe-Verlag erschienen.

Tja, wieder ein neuer Ratgeber. Vielleicht gar nicht so schlecht, das Programm. Rubikon-Modell, theoretische Einleitung, ein Neun-Wochen-Programm und ein Anhang mit Arbeitsmaterial, das auch auf CD-Rom dem Buch beiliegt. Super.

Allerdings wieder nur in der Theorie. In der Praxis sind wir darauf angewiesen, selbst die nötige Motivation, Disziplin und was auch immer sonst noch nötig ist, um vom Planen ins Handeln zu kommen, von der Lähmung des Prokrastinierens zum Tun, vom Lesen zum Umsetzen des 9-Wochen-Programms. Wenn ich das Buch wieder weglege und nicht weitermache, gibt's niemanden, der mich dran hindert.

Vielleicht ist das Buch trotzdem ganz toll. Ich habe noch lang nicht alles gelesen, vielleicht haben sie irgendwo die zündende Idee versteckt, wie unser Grundproblem lösbar ist.
Ich befürchte jedoch, das haben sie nicht. Weil sie immer nur von Einzelmenschen ausgehen, die halt nicht wissen, wie es geht, und bloß das richtige Buch brauchen.
Ich glaube aber, wir brauchen vor allem andere Menschen, so dass wir einander gegenseitig unterstützen können. Dazu ein Konzept, also z.B. ein Programm aus einem Ratgeber, zur Hand zu haben, kann ja nicht schaden.

Die gleichen Leute haben übrigens auch noch ein Manual für die Therapie verfasst, gleicher Verlag. Das kenne ich (noch) nicht. Wäre spannend, ob da auch Gruppentherapie Thema ist...

Hat jemand von Euch den Ratgeber gelesen? Wenn ja, was meint Ihr dazu?

LG, Trödeltrine

pro-cras
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Joined: Sun 19. Aug 2018, 16:08

Re: "Heute fange ich wirklich an!" von A. Höcker, M. Engberding und F. Rist

Post by pro-cras » Tue 21. Aug 2018, 10:17

Hallo Trödeline,
als "Neuer" und Neugieriger im Forum bin ich auf deinen Repost gestoßen zu dem mir spontan folgendes auffiel:
Es tut gut, in diesem Zusammenhang das Wort "Disziplin" zu lesen - und auch mal nachzuspüren, was es in uns an Emotionen und Überzeugungen freisetzt. Irgendjemand hat mir mal das Zitat hinterlassen: "Vergiss Motivation: Disziplin wird dich durch die harten Zeiten bringen, wenn die Motivation sich schon lange nicht mehr hat blicken lassen."
Soviel zur Wertigkeit von Motivation und Disziplin.
Sicherlich sind wir alle irgendwie motiviert, es lohnt sich aber, die Motive und ihre Antreiber sich genau anzuschauen, ob sie wirklich Gutes für uns wollen. Disziplin hat da eine andere Qualität, und wir können uns durchaus mal anschauen, warum wir uns ihr nicht unterwerfen wollen. Möglicherweise stoßen wir recht bald mitten hinein ins Wespennest und schrecken automatisch zurück. Jetzt wäre es wichtig, wenn eine Person des Vertrauens (und mit Sachkenntnis) uns sanft aber nachdrücklich helfen würde, dran zu bleiben.

Noch ein Wort zur Therapie:
Für mich als Therapeut ist Gruppentherapie grundsätzlich ein hervorragendes Instrument - als Ergänzung, Öffnung und Erweiterung der Einzeltherapie. So ein bisschen kann auch ein intensiver Forums-Austausch diese Funktion übernehmen. Bei der großen Bandbreite der Ausformungen und Intensitäten der Prokrastination scheint mir aber eine auf den individuellen Fall bezogene professionelle Beratungs-, Coaching- oder therapeutische Begleitung der Weg der ersten Wahl zu sein.

Trödeltrine
Posts: 83
Joined: Sat 17. Feb 2018, 21:53

Re: "Heute fange ich wirklich an!" von A. Höcker, M. Engberding und F. Rist

Post by Trödeltrine » Mon 10. Sep 2018, 19:29

Hallo pro-cras,
Du wunderbar wortreicher Neu-Einsteiger! :-)
Das Zitat zur Disziplin finde ich super, vielen Dank dafür!
Da ich so meine Schwierigkeiten habe mit den Konnotationen, die das Wort "Disziplin" für mich hat, spreche ich meist lieber von Beharrlichkeit in Kombination mit Verzicht auf die Lust-Frage. Dann muss ich mich auch nicht unterwerfen (widerspricht das nicht Deinem Autonomie-Bedürfnis, siehe anderer Thread?) sondern kann kraft meiner erwachsenen Vernunft und Freiheit entscheiden, dass ich die Dinge, die getan werden müssen, tue, weil ich einmal die Grundentscheidung getroffen habe, einzusehen, dass sie getan werden müssen, und zwar regelmäßig. Zum Beispiel Zähneputzen. Zum Beispiel aufstehen wenn der Wecker klingelt, weil ich zur Arbeit muss (ich hab zum Glück keine Gleitzeit, sondern feste Termine - meine Rettung gegen Arbeitsprokrastination...).

Ich bin völlig d'accord mit Dir bezüglich der Therapie, aber ich hab mich etwas missverständlich ausgedrückt in meinem ausschließlichen Lob der Gruppentherapie ohne Erwähnung von Einzeltherapie/-coaching.
Nämlich finde ich an dem Konzept des Münster-Buches problematisch, dass dort weder Gruppentherapie noch SHGen auftauchen, sondern eigentlich erstmal das Buch so eingeführt wird, dass man es allein durcharbeitet. Wenn man das nicht schafft, soll man sich Einzeltherapie/-coaching suchen.
Ich stelle mal eine steile These auf: Wer es allein mit Buch schafft, ist möglicherweise weniger schwer betroffen als jemand, der es nicht allein mit Buch schafft. Aber die Hemmschwelle für letzteren, sich dann gleich in Therapie zu begeben, mag wiederum doch sehr hoch sein.
Das Durcharbeiten des Buches in einer Gruppe (die ja gar nicht zwingend von einer Fachperson geleitet sein muss) könnte, wenn meine steile These sich in der Nähe der Wahrheit bewegt, das Ur-Problem der mittelschwer betroffenen Prokrastinierenden lösen, sich immer wieder selbst und allein zu disziplinieren (ich sage jetzt bewusst nicht motivieren, weil ich glaube, dass Du da eine sehr wichtige Unterscheidung getroffen hast).
Das ist meine Erfahrung: wenn da noch andere sind, zieht der Schwung der Gruppe mich mit in Momenten, wo ich allein entmutigt aufgesteckt hätte. Und umgekehrt. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. (Von Lerngruppen in der Uni etc. kennen das ja viele Menschen.)
Allerdings sage ich der Fairness halber dazu, dass ich momentan mit einer Mischung aus Einzel-Psychotherapie und SHG (da kommen wir sogar ohne das Buch aus, aber an einem Konzept arbeiten wir zur Zeit und vielleicht werden wir dazu auch noch Aspekte aus dem Buch einbeziehen) ziemlich gut fahre...

So, und nun werde ich mir ein Schweigegelübde zu diesem Buch auferlegen, das so lange währt, bis ich darin tatsächlich mal mehr als Inhaltsverzeichnis, Vorwort und Einleitung gelesen habe... ;-)

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