Ist das Gehirn krank, wenn die Seele leidet?

Interessante Bücher und Webseiten zur Prokrastination
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JavaBohne
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Joined: Mon 13. May 2013, 21:49

Ist das Gehirn krank, wenn die Seele leidet?

Post by JavaBohne » Tue 18. Sep 2018, 01:38

Thema Depressionen - psychisch, physisch oder sogar genetisch bedingt?


Liebe Foristen,

Anfang September habe ich durch einen Artikel (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4185275/) darauf aufmerksam gemacht, dass neueste Forschungen nahelegen, dass die Prokrastination nicht nur aufgrund klassischer Annahmen zustandekommt, sondern durchaus genetisch bedingt sein kann. Prof. Dr. Piers Steel, der derzeit fuehrende Experte im Bereich der Prokrastination wies auf diese Vermutung bereits 2010 hin, jedoch noch ohne fundierte Studien.

Nun habe ich heute einen Artikel auf Spektrum.de gelesen, dass Depressionen ebenfalls auf andere nicht klassichen Annahmen basieren koennten, wie z. B. genetisch bedingt oder, im krassen Gegensatz zu psychischen oder psychosomatischen Annahmen, aufgrund von Hirnerkrankungen verursacht werden kann.

Hierzu der Link zu Spektrum.de:
https://www.spektrum.de/news/ist-das-ge ... n=ZON_KOOP

Fuer die im Artikel erwaehnten Psychologen und Psychiater habe ich ebenfalls Links fuer euch herausgesucht, dass ihr euch ein Bild machen koennt, wer diese Wissenschaftler sind, die diese Theorien unterstuetzen oder anderweitige Vorschlaege machen.

Florian Holsboer
https://de.wikipedia.org/wiki/Florian_Holsboer

Henrik Walter
https://de.wikipedia.org/wiki/Henrik_Walter

Zur Person Prof. Dr. Piers Steel
https://en.wikipedia.org/wiki/Temporal_ ... ion_theory
https://en.wikipedia.org/wiki/Procrastination

An dieser Stelle verweise ich auf das Buch von Professor Steel "The Procrastination Equation". Leider in Deutschland nicht immer erhaeltlich.

Prokrastination und Depressionen gehen sehr oft Hand in Hand. Soweit konnte leider noch kein Experte klaeren, ob das Eine das Andere oder umgekehrt ausloest. Sollte es sich bewahrten, dass sowohl die Prokrastination (vergroesserte Amygdala) als auch die einhergehende Depressioen (verkleinerter Hippocampus) ihre Ursachen z. B. in den Genen oder in den veraenderten Gehirnen ihre Ursache haben, lassen sich vielleicht recht bald therapeutische sowie medikamentoese Loesungen finden. Eine alte, im Jahre 1923(?) von Prof. Schulz entwickelte Entspannungstechnik, das Autogene Training, koennte hierbei vielleicht helfen, wenn zielgerichtet und von wirklichen Fachleuten innerhalb der Therapiesitzungen eingesetzt, betroffene Gehirne neu zu vernetzen - sozusagen umzuprogrammieren.

Viel Spass beim Lesen,
JavaBohne

pro-cras
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Joined: Sun 19. Aug 2018, 16:08

Re: Ist das Gehirn krank, wenn die Seele leidet?

Post by pro-cras » Wed 17. Oct 2018, 13:14

Lieber JavaBohne, liebe Foristen,

dass dein Beitrag so lange ohne Antwort blieb, hat vielleicht mit der Vielzahl von Informationen zu tun, auf die darin hingewiesen wird, vielleicht auch damit, dass der Transfer dieser Informationen dem neurobiologischen Laien nicht ganz leicht fällt. Eine Haltung zu der in der Überschrift formulierten Frage: "Ist das Gehirn krank, wenn die Seele leidet?" wird obendrein durch die Assoziationen von Krankheit und Leid noch weiter erschwert.

Ich will gerne hierzu meine Meinung einbringen, um vielleicht doch noch eine Diskussion anzuwerfen, und behaupte, dass wir Prokrastinatoren bei aller Betroffenheit und persönlichem Leid uns nicht als Opfer einer Gehirnkrankheit ansehen (lassen) sollen.

Bedauernswerterweise für alle Freunde der schnellen und eindeutigen Antworten war Prokrastination noch nie eine Verhaltensweise, die durch die Verabreichung einer bestimmten Therapie oder eines zu verschreibenden Medikaments abgeschaltet werden könnte, und das wird auch bei aller neuro- oder pharmakogenetischen Forschung so bleiben. Denn „Prokrastination“ ist nicht als eine gehirntechnische „Störung“ im medizinisch/psychiatrischen Sinne zu sehen, sondern allenfalls als ein Symptom für eine solche, wenn sie nicht das Ergebnis einer speziellen Willensbildung ist.

Psychische Störungen, wie sie z.B. als Schizophrenie, Depression oder bipolare Störung bekannt sind, und die auf bildgebenden Geräten im Gehirn Spuren zeigen, können nicht zum Vergleich mit prokrastinierendem Verhalten herangezogen werden.

Prokrastination zeigt sich allenfalls als Nebensymptom solcher Störungen, oder auch als Ausdruck anderer, ganz unterschiedlicher Störungen, z.B. der einer defizitären Selbstorganisation. Sie kann affektive Störungen (also emotionale Reaktionen) begleiten, auf ein misslingendes Zeitmanagement hinweisen, oder auf eine allgemeine Antriebslosigkeit, die körperlich oder mental begründet sein kann, auf eine konkrete Motivationsblockade oder einen tiefen Widerwillen, auf eine ungenaue Zielvorstellung, auch auf eine veritable körperliche oder seelische Erkrankung.

Solche Defizite – ob sie isoliert oder im Zusammenhang mit einer unterliegenden Erkrankung auftreten sei dahingestellt - können, wenn sie länger andauern, ihre körperlichen Manifestationen im Gehirn (z.B. in Amygdalae oder Hippocampus) hinterlassen. Sie durch medikamentöse oder invasive Eingriffe an dieser Stelle dann auch behandeln zu können, mag ein Wunschgedanke sein, der dem Symptomcharakter der Prokrastination jedoch nicht gerecht wird. Sie ist Alarmglocke, mehr nicht. Sie abzustellen schont zwar die Nerven, erfordert aber noch grundlegendere Maßnahmen.

Wollte man Prokrastination als biologische Hirnerkrankung betrachten, bestünde lediglich die Gefahr, dass hierdurch die eigenen, lediglich neu zu mobilisierenden Kräfte wie Eigenverantwortung, Handlungswille, Unternehmungslust oder Selbstachtung unterdrückt werden.

Ohne ein eher hinderliches und unzulässiges Krankheits-Modell heranzuziehen öffnen sich für die Prokrastinationsbetroffenen grundlegend zwei sich durchaus ergänzende und erfolgversprechende Wege zur Prokrastinationsüberwindung:

1. die Abmilderung oder sogar Überwindung der Symptomwirkungen durch eine Vielfalt von praktischen Tipps und Tricks, wie sie von Organisations-Beratern, in Foren, Selbsthilfegruppen oder in der Beratungsliteratur angeboten werden, und die in dem Maße brauchbar sind, wie sie dem jeweils vorliegenden Symptom angepasst sind (Zeitplanung, Raumorganisation, Projektmanagement etc., aber auch Neuformulierung von Absichten, Zielen oder Glaubenssätzen),
2. die gezielte Arbeit an eventuell zugrundeliegenden persönlichen Belastungen oder Störungen, der sinnvollerweise eine gründliche Analyse des Prokrastinationsverhalten und seiner Motive voraus-, und eine fachliche Unterstützung an die Seite gestellt wird.

Liebe Grüße
pro-cras

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