Ist Therapie möglich?

Kontaktadressen von Psychotherapeuten oder Einrichtungen, die sich auf die Behandlung der Prokrastination spezialisiert haben, z.B. in den Bereichen: Analytische Psychotherapie, Gesprächspsychotherapie, Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder Verhaltenstherapie
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pro-cras
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Ist Therapie möglich?

Post by pro-cras » Fri 21. Sep 2018, 14:30

Liebe Foristen
lasst mich bitte hier etwas Grundsätzliches zur Therapie sagen, zumalja nicht ganz eindeutig ist, ob und wann es sich überhaupt um „Therapie“ handelt, auch wenn sie ja von den meisten auf Anhieb als "medizinisch" verstanden wird. Mediziner werden jedoch mit der Behandlung von Prokrastination eher selten betraut, auch Psychotherapeuten sehen sich bei diesem Anliegen weniger als klinische Experten denn als professionelle Kommunikationsspezialisten für die Versorgung individueller und intrapsychischer Belastungen.

Ist der/die Prokrastinierende allein vor dem Hintergrund einer solchen (wie auch immer entstandenen) Diagnose eigentlich überhaupt psychisch krank?

Es gibt Menschen, die nach den gängigen Klassifizierungen des ICD-10 und DSM IV als krank gelten, aber nicht leiden, und solche, die sich gestört verhalten oder fühlen, aber nicht als krank gelten. Prokrastination ist in genannten (für Abrechenbarkeit bei den KV maßgeblichen) Krankheitskatalogen mangels Klassifizierung unter beiderlei Hinsicht nicht zu finden.

Die KV-relevante Nicht-Diagnostizierbarkeit hat auch für die Betroffenen durchaus ihre Vorteile: weil eine Diagnose wenig Hoffnung bringen würde mangels standardisierter, einforderbarer Therapien, dafür umso mehr Nachteile, wie etwa eine Stigmatisierung, den Wegfall des sozialen Supports, die Gefahr einer Lähmung der Eigeninitiative bei vermuteter negativer Langfristprognose uam.

Wer macht dann eigentlich „Therapie“?


Jenseits aller Therapie-Semantik ist der Weg aus der Prokrastination m.E. kein therapeutischer im Sinne von ICD und DSM - es sei denn, und das sei hier deutlich betont: Prokrastination wäre erkennbar ein Symptom, das auf eine psychische oder sonstige Erkrankung hinweist, die dann tatsächlich medizinisch/psychiatrisch zu therapieren wäre.

Fragen der persönlichen Lebensbewältigung und -Planung werden an Therapeuten (als Kommunikationsexperten), aber ebenso an Pfarrer, Lebenspartner, Freunde, Teilnehmer an SHGs oder sonstige Berater gerichtet. Was die Qualität der Antworten betrifft, so steht die in nur ungenau beschreibbarem Zusammenhang mit der Professionalität und Erfahrung der Befragten. Eines allerdings hat sich herausgestellt:
„Therapien“ außerhalb der Abrechenbarkeit durch die KV sind in aller Regel kürzer, wirksamer und nachhaltiger, wenn die Betroffenen sich (auch finanziell) am eigenen Veränderungsprozess beteiligen. Dieses Ergebnis ist ganz offenbar nicht dem Störungsbild, sondern dem Patienten/Klienten und dem „Therapeuten“ zuzuschreiben. Will sagen: Prokrastination als Störungsbild ist immer einer Überwindbarkeit zugänglich, wenn das Verhältnis zwischen Behandler/in und Behandelter/m auf Verständnis und Bereitschaft beruht.

Sich möglichst fachkundige Unterstützung zu holen, die nicht von vorn herein psychotherapeutischer Art sein muss, sondern viel mehr etwas mit praktischer Begleitung in der Bewältigung des Alltäglichen zu tun haben kann, scheint mir auf jeden Fall sehr wichtig. Ob eine solche zeitlich begrenzte Begleiterrolle nach genau definierter Zielbeschreibung einem Außenstehenden/Coach oder einer nahestehenden, vertrauenswürdigen und konsequent agierenden Person angedient wird, ist letztlich eine Frage der Verfügbarkeit.

Liebe Grüße
pro-cras

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JavaBohne
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Re: Ist Therapie möglich?

Post by JavaBohne » Sat 22. Sep 2018, 01:17

Hallo pro-cras,

du gibst dir sehr viel Muehe viel zu schreiben, aber du beantwortest deine eigene Frage nicht. "Ist Therapie moeglich"? Ich bitte dich herzlich in wenigen Saetzen deine persoenliche Einschaetzung zu deiner eigenen Eingangsfrage zu geben. Es waere fuer uns alle aeusserst interessant - und vor allem weiterfuehrend hilfreich.

Den meisten unter der Prokrastination Leidenden ist es nicht wichtig wie, warum und ob ueberhaupt mit den Krankenkassen abgerechnet wird - solange sie nicht selbst zahlen muessen. Sie wollen ganz einfach nur professionelle HIlfe, die in fast allen Faellen von hoch qualifizierten und speziell auf Prokrastination ausgerichteten Therapeuten kommen kann.

Ich danke dir herzlich,
JavaBohne

pro-cras
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Re: Ist Therapie möglich?

Post by pro-cras » Sat 22. Sep 2018, 13:42

Hallo JavaBohne

Vor allem möchte ich die Diskussion zur konkreten Therapierbarkeit von Prokrastination neu anstoßen und nicht umgehend mit einer eigenen Antwort belasten. Vor allem, um gezielt die Gelegenheit zu bieten, schon bestehende Erfahrungen (vor allem die positiven) zu berichten.

Wenn du mich auf meine Meinung ansprichst, so dürfte die ja schon erkennbar geworden sein, sonst würde ich keine Prokrastinationstherapie anbieten können. Gleichwohl bleiben Heilungsversprechen problematisch, weil sie einfach unredlich sind, denn es kann immer einschränkende Faktoren geben.

Aber ich sage ganz klar: Prokrastination ist therapierbar.

Gleichzeitig weise ich darauf hin:
    • Es gibt keine „schnelle Lösung“ wie etwa Tabletten gegen Prokrastination - sofern es sich nicht um Medikamente zur Behandlung zugrunde liegender prokrastinationauslösender Erkrankungen handelt, die einen Therapieerfolg bereits herbeiführen können-Amphetamine, Methylphenidat oder andere Medikamente mit stimulierender Wirkung auf das Nervensystem können insgesamt das Arbeitsverhalten beeinflussen, wenn eine Behandlung zum Beispiel von AD(H)S angezeigt ist;
        die Absicherung des allgemeinen Gesundheitsstatus (Schilddrüse, Allergien, Entzündungen im Kiefer, der Ohren, Augen, des Schlafs, der Lebensmittelunverträglichkeit beispielsweise) kann natürlich eine medikamentöse Korrektur erfordern, woraus sich so zusagen als Nebenwirkung eine Befreiung Prokrastinationssymptomen ergeben kann;
          mit der Erwähnung von Bachblüten, homöopathischen Mitteln oder Schüßler-Salzen möchte ich keine allgemeine Diskussion nichtcartesischer Behandlungen lostreten. Sie können im besonderen Verhältnis zwischen dem dafür zugänglichen Betroffenen und dem gut ausgebildeten Behandler durchaus positive Ergebnisse zeitigen, die allein aus einem mechanistischen Weltbild nicht erklärbar sind. Diese Mittel zielen in der Regel auf das gesundheitliche Gesamtbild der Betroffenen;
            es gibt Therapeuten unterschiedlicher fachlicher Ausbildung, die sich um die Komorbiditäten der Prokrastination kümmern, das Störungsbild selber in seiner Komplexität aber nicht verstehen und nicht berühren;
              es gibt psychosoziale Dienste an einigen Universitäten, die sich mit dem typischen studentischen Aufschieben und begleitenden sozialen Störungen befassen, deren Zugang (z.B. über einen bestimmten Fragenkatalog) allerdings unter anderen Prokrastinationsformen nicht kompatibel ist;
                und es gibt – leider - nur wenige Therapeuten, die sich auf diesem nicht genau abgrenzbaren Gebiet spezialisiert haben. Das mag daran liegen, dass Prokrastination „nur“ eine psychische Belastung ohne Krankheitswert ist, wenngleich verbunden mit existenziellen Problemen. Auch mit ihnen ist der Heilungserfolg immer von der Qualität der Therapeuten-/Patienten-Beziehung abhängig.
              Trotz all dieser Einschränkungen wäre es unsinnig zu meinen, durch selbstverordnetes Wissen und Lesen einen Therapieerfolg herbeiführen zu können. Solche „Lernerfolge“ sind natürlich immer möglich, aber für „Therapie“ braucht es zwei, den Patienten/die Klientin und den Therapeuten/die Therapeutin. Und die Gravitationskräfte zwischen Behandler und Behandelten sind von wesentlicher Bedeutung für das Erreichen eines (jeden) Behandlungsergebnisses.

              Es bleibt der Vollständigkeit halber anzumerken, dass auch bei der Prokrastinationstherapie eine „Druckbetankung“ den Heilungsprozess nicht beschleunigen kann, dass Heilungserfolge (gemeint sind ausdrücklich nicht praxisbezogene Coachingserfolge!) sich meist nicht als direktes Ergebnis einer bestimmten Be-Handlungsaktion zu erkennen geben, und dass Spontanheilungen immer möglich, und stufendynamische Erfolge immer behandlungstypisch sind.

              Die Behandelbarkeit von Prokrastination braucht keine speziellen Kenntnisse der Neurologie oder Neurobiologie, auch wenn es natürlich spannend ist, über das gehirntechnische Wie und Warum zu spekulieren. Sie braucht den beobachtenden und verstehenden Menschen, der für die Verbesserung der Selbstorganisation der Patientin die optimalen Bedingungen schafft. Da erfahrungsgemäß immer mit dem parallelen Auftauchen komorbider Symptome oder Flashbacks aus früheren Belastungen, die am Anfang der Prokrastination standen, gerechnet werden muss, die dann eine gesonderte Behandlung erfordern, ist die Fähigkeit zur Differenzialanalyse und zum Umgang mit solchen Situationen aus therapeutischen und Verantwortungsgründen unverzichtbar.

              Die Selbsttherapie soll aus den Überlegungen nicht ausgeschlossen werden, geht aber vor dem Hintergrund des individuellen Selbstverständnisses andere Wege.

              Liebe Grüße
              pro-cras

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              Re: Ist Therapie möglich?

              Post by JavaBohne » Sat 22. Sep 2018, 17:49

              Hallo pro-cras,

              vielen herzlichen Dank fuer diesen ausfuehrlichen Beitrag. DIESER hat mir ausserordentlich gut gefallen. Und ich glaube, dass andere Foristen ebenso denken. Denn aus dem Beitrag ergibt sich sicherlich eine Fuelle von Diskussionsanregungen.

              Ich denke in einem speziellen Punkt anders als du. Ich bin der Meinung, dass man die Prokrastination nicht ganz generell als therapierbar bezeichnen kann. Meine Meinung ergibt sich daraus, dass: Wenn selbst hochrangige Experten nicht wissen, worum es sich bei der Prokrastination ueberhaupt handelt, wie soll man sagen koennen, sie ist therapierbar oder umgekehrt, sie ist nicht therapierbar? Es gibt viel zu viele unterschiedliche Formen und Facetten der Prokrastination, z. B.:
              • Ist die Prokrastination genetisch bedingt, wird eine Therapie sehr schwierig bis unmoeglich und koennte die Prokrastination allenfalls lindern. (Auch hier stellt sich Prof. Dr. Steel quer und glaubt durchaus an moegliche Therapien)

                Ist die Prokrastination eine sozusagen studentische/akademische ist sie sicherlich in fast allen Faellen therapierbar und gerade darin weisen die Therapeuten bereits seit Jahren durch die Bank Erfolge auf

                Ist die Prokrastination chronisch bedeutet das den Normalzustand des Handelns. Hier streiten sich die Fachleute am meisten und sind sich voellig uneins. Der Trend geht hin zu "nicht erfolgreich therapierbar". Jedoch sagt wiederum Prof. Dr. Steel - den ich wirklich sehr schaetze. Auch diese Prokrastination sei unter bestimmten Voraussetzungen durchaus erfolgreich therapierbar.

                Besondere Formen der Prokrastionation: Z. B. prokrastiniere ich ausschliesslich in meiner Freizeit, niemals im Job. Die Umstaende meiner Prokrastination gelten laut zwei deutschen Psychotherapeuten eindeutig als nicht therapierbar. Eine Gruppe von Therapeuten hier in Atlanta schloss sich dieser Meinung 2010 an, als ich meinen letzten Versuch einer Therapie startete. (Ich konsultierte sie wegen mentalen Problemen meiner damaligen Ehefrau von 2007 bis 2010)

                Erschwerend kommt hinzu, dass einige Experten die Prokrastination als individuelle "Stoerung" ansehen. Dass somit jeder seine eigene Art der Prokrastination entwickelt.
              Am Rande erwaehnt, danke ich dir aus persoenlichen Gruenden herzlich, dass du den Ausdruck "Studentische Prokrastination" gebraucht hast. Vielen Dank!

              Viele Gruesse,
              JavaBohne

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              Re: Ist Therapie möglich?

              Post by JavaBohne » Sat 22. Sep 2018, 18:21

              pro-cras wrote:
              Sat 22. Sep 2018, 13:42

              ....Trotz all dieser Einschränkungen wäre es unsinnig zu meinen, durch selbstverordnetes Wissen und Lesen einen Therapieerfolg herbeiführen zu können. Solche „Lernerfolge“ sind natürlich immer möglich, aber für „Therapie“ braucht es zwei, den Patienten/die Klientin und den Therapeuten/die Therapeutin. Und die Gravitationskräfte zwischen Behandler und Behandelten sind von wesentlicher Bedeutung für das Erreichen eines (jeden) Behandlungsergebnisses.....

              Liebe Grüße
              pro-cras
              Hallo pro-cras,

              sicherlich kann sich niemand eine Therapie anlesen, aber man kann eine Fuelle von Informationen filtern und fuer sich in Anspruch nehmen, die einem das Leben mit der Prokrastination wieder lebenswert machen. Bevor ich las, dass ich an Prokrastination leide, habe ich mich mit Selbstzweifeln bis hin zur Selbstverteufelung und Suizidgedanken geplagt. Taegliche fast unueberwindliche Depressionen bestimmten mein Leben ueber lange Jahre. Erst durch die Lektuere im Internet von hunderten von Schriften, Artikeln, Webseiten, Buechern und mittlerweile Videoclips von namhaften Professoren, habe ich abschliessen und die bei mir nicht therapierbare Prokrastination als einen staendigen Begleiter akzeptieren koennen. Vorher ging es nicht!

              Das Anlesen oder das sich Aneignen hat aber noch einen ganz anderen Vorteil. Man lernt die echten Experten von gespielten Experten zu unterscheiden. Z. B.:
              • Coaches, Consultants und Fachleute geringerer Qualifikation behaupten fast ausnahmslos alle, dass sie helfen koennen die Prokrastination zu besiegen. Buchtitel gleichen oder aehnlichen namens gibt es im Internet zu Hauf. Sie fuehren fast ausnahmslos alle zu Misserfolgen und Enttaeuschungen bei den Leidenden. Wahre Experten heben sich von denen ab, in dem sie sich durch wissenschaftlich fundierte Untersuchungen und den darauf aufsetzenden Meinungen und Kommentaren, sowie Publikationen in Fachzeitschriften, etc. klar absetzen.

                Aber auch dabei gibt es Unterschiede: Selbst hier im Forum wird ein bestimmtes Buch beworben, dass den Passus "chronische Prokrastination" im Titel fuehrt. Im Buchinhalt wird aber ausschliesslich auf die studentische/akademische Prokrastination eingegangen und dementsprechend Hilfe angeboten. Das finde ich gelinde ausgedrueckt unserious.
              Von daher denke ich, ist das staendige Lesen von Material ueber die Prokrastination sehr wichtig fuer uns, um abzuwaegen, aber auch am neu erworbenem Wissen zu wachsen. Insbesondere fuer die, die aus welchen Gruenden auch immer keine Therapie (mehr) wollen.

              Viele Gruesse,
              JavaBohne

              pro-cras
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              Joined: Sun 19. Aug 2018, 16:08

              Re: Ist Therapie möglich?

              Post by pro-cras » Sun 23. Sep 2018, 11:34

              Hallo JavaBohne!

              Nachdem du solche Menschen in die Diskussion gebracht hast, die keine Therapie (mehr) wollen, möchte ich hierzu etwas mir Wichtiges hinzufügen – vielleicht unter einem neuen Thread „Keine Therapie ist (manchmal) die bessere Therapie“?

              Therapie setzt eine Diagnose voraus und meint i.d.R. die medizinische Behandlung einer Störung mit Krankheitswert. Beides aber ist nicht immer nötig, kann eher kontraproduktiv sein und SELBSTheilungskräfte lähmen. Die Verunsicherung hinsichtlich dem „richtigen“ Behandler oder der "zielführenden" Methode tut das Ihre, um den immer, aber oft im Verborgenen parat stehenden den Zutritt zur Handlungsautonomie zu verwehren.

              Therapie löst nicht das Problem, sondern ist Teil des Problems

              Wenn wir genau unterscheiden zwischen therapeutischer Nothilfe und "Eingerichtet-sein" in eine Langzeittherapie, müssen wir im Auge behalten, dass Therapie sehr leicht zur Pathologisierung und Chronifizierung eines Störungsbildes beiträgt, und zwar aus vielerlei Gründen:

              Wer langzeittherapiert (wird), löst (sich) nicht von Problemen, sondern intensiviert denKontakt damit. Die Verflechtungen werden verworrener, die gedanklichen Selbstzuschreibungen immer dreister, das Störungsbild wird fortlaufend internalisiert, auch nicht beteiligte Situationen oder Personen werden in beliebiger Weise mit einbezogen und vergrößern das „Operationsfeld“ exponentiell. In einer Therapie bei einem schwachen oder übermotivierten Therapeuten zu sein und sich dort umsorgt zu fühlen kann einen Krankheitsgewinn bedeuten, den man nie aus dem Auge verlieren darf!

              Bitte nicht helfen – es ist so schon schwer genug

              oder: Wenn meine Landkarte nicht auf deine Landschaft passt. Wie du in deinem vorletzten Post feststellst, gibt es zu viele Formen und Facetten der Prokrastination, sodass kaum ein (Therapie-)Deckel auf einen vorgegebenen (Prokrastinations-)Topf passt. (Oder wie wir im Fernsehen hören können: "Warum macht das Wetter nicht, was uns der Wetterbericht sagt?")

              Wenn aber Therapie mit ihrem ganzen unklaren Drum und Dran zwischen banger Suche und Abschluss-Enttäuschung nur Frust und Zeitverlust bedeutet, und wenn der „praktische“ Anteil der landläufigen Prokrastination (Zeitmanagement, Arbeits/Ein/Teilung, Zielformulierung, Unlust etc.) außerhalb einer Therapie (also mit einem Coach, Freund, oder selbstmotiviert) erledigt werden kann, warum dann noch nach einer Therapie suchen, die mich im Zweifl nicht versteht, und der ich nicht vertraue?

              Ich sage mir (und meinen Klienten) oft, dass Menschen seit 100.000 Jahren planen, tun oder auch nicht tun. Entscheidungen zu fällen und abzuarbeiten ist Teil des Lebens – nicht nur des menschlichen. Phasen, in denen das nur unter Anstrengung möglich ist, gehören dazu. Primaten können lesen lernen, und tun das, solange es ihnen Spaß macht. Raben können relativ lange Zeiträume bewusst vorausplanen, und es scheint ihnen Spaß zu machen - nicht nur der Belohnungen wegen, aber auch!

              „Unter Druck entstehen Diamanten“

              Dieser Spruch wird von Freunden der Prokrastination golden eingerahmt, von Kritikern der Perfektion ins Lächerliche gezogen. Ich finde, Diamanten sind nicht alles, was wir brauchen, aber sie können unser Herz erfreuen. „Druck“ ist, vielleicht mehr noch als „Krieg“, öffenbar "Vater aller Dinge". Weil Menschen in ihrem freien Willen immer auch NICHT vorausschauend planen und Zeit einteilen (können oder wollen). Aber genau das ist m.E. Teil unserer menschlichen Dualität, was immer auch die Hoffnung befördert, dass am Ende doch noch alles gut wird, auch wenn es mal wieder knapp war.

              Krisen sind immer gefährlich und führen uns an den Rand unserer Möglichkeiten, aber in unserer Kreativität auch immer darüber hinaus. Nur der Druck der Klimaveränderung zog nach sich, die Zusammenhänge in der Natur zu einer neuen Handlungsmaxime zu machen, und nur das Auftauchen von Microplastik im letzten Winkel unserer Erde lässt Forschung entstehen, die noch weitgehender über wirtschaftliche Prozeduren und Machtverhältnisse nachdenkt.

              Ausgehend von der Überzeugung, dass Prokrastinieren immer ein deutliches, wenn auch UNBEABSICHTIGTES Zögern und damit einen Weckruf bedeutet, muss ich anerkennen, dass die Frage: Worauf will ich der Weckruf hinweisen, was bis ich dabei zu verschlafen, nicht wertvoll genug zu bewerten ist – und auf keinen Fall wegtherapiert gehört Es gehört zur Würde des Menschen, sich mit seiner Schwäche bewusst auseinandersetzen zu dürfen!

              Wegtherapieren sollte man (und kann man auch meistens) die zugrunde liegenden Störfaktoren, die mich hindern, den Kopf aus dem Sand zu heben, mir die Augen frei zu machen, aufzustehen und mein einzigartige Leben wieder in meine beiden Hände zu nehmen.

              Schönen Sonntag!
              pro-cras

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