Gemeinsam in den Kampf – wer ist dabei?

Beschreibung und Diskussion persönlicher Erfahrungsberichte
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JavaBohne
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Re: Gemeinsam in den Kampf – wer ist dabei?

Post by JavaBohne » Sun 15. Jun 2014, 17:15

Hallo Babett,

ich danke dir fuer diesen Beitrag, denn er hat mich auf eine Idee gebracht.

Eine sehr gute und sehr enge Bekannte leidet unter anderem an Skin Picking. Seit Ende letzten Jahres ist sie in therapeutischer Behandlung. Skin Picking ist eine Impulskontrollstoerung. Man knibbelt unkontrolliert an seinem Koerper herum, bis pickelgrosse oder quaddelgrosse Wunden entstanden sind, die immer wieder aufgeknibbelt werden. Dann verfaellt der Patient oft in eine Depression, etc., etc., etc. Nur zur ganz kurzen Erlaeuterung.

Nun wurde ihr von der Therapeutin progressive Muskelentspannung und "habit reversal training" nahegelegt, um ihr (Knibbel-)Verhalten umzukehren in ein normales Verhalten. Und genau da kommt dein Gedanke ins Spiel: Muedigkeit abtrainieren!

Ist es moeglich durch ein bestimmtes Training die Prokrastination abzuschwaechen oder sogar durch langjaehriges Training zu besiegen?

Wenn ein Picker lernt, bei einem sich ankuendigen "Anfall" die Faeuste zu ballen, anstatt zu knibbeln, koennten wir Prokrastinatoren nicht auch durch aehnliches Training gegen die Prokrastination ankaempfen und auf lange Sicht diese Krankheit zu besiegen oder wenn man glaubt es ist eine Verhaltensstoerung, sie umzutrainieren? Z. B. dass man sich genau gegenteilig zur Prokrastination und ihren Zwaengen verhaelt?

Was meinst du? Und was meinen die andere Foristen dazu? Hat jemand bereits Erfahrungen diesbezueglich sammeln koennen?

Waere toll euer Feedback zu hoeren.

Viele Gruesse,
JavaBohne

Trödeltrine
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Re: Gemeinsam in den Kampf – wer ist dabei?

Post by Trödeltrine » Wed 7. Mar 2018, 17:32

Schade, gerade als plötzlich eine tolle (wie ich finde) neue Idee im Raum steht, stirbt der Thread den Tod des Verstummens...
Oder ist's kein Tod, sondern nur ein knapp vierjähriger Dornröschenschlaf?
Ich kämpfe mich mal durch die Hecke und probiere es mit ein paar zarten Wörtchen:

Die Idee des habit revearsel trainings finde ich persönlich fürs Skin Picking eher bescheuert (ich kenne mich damit ein wenig aus, hab nämlich selbst darunter und unter einer verwandten Störung gelitten), für die Prokrastination aber genial.

Seit ich aktiv und mit Hilfe einer Selbsthilfegruppe sowie darüber hinausgehenden Kontakten zu Leuten aus der Gruppe jenseits der wöchentlichen Treffen an meinem Problem arbeite, hatte ich ein paar Momente, in denen ich genau das gemacht habe:
xy war zu tun, und ich merkte den Impuls, es zu schieben. Beobachtete mich selbst dabei und beschloss, dem Impuls nicht zu folgen sondern das Gegenteil zu tun: Es JETZT zu beginnen. Es hat WAHNSINNIG viel Kraft gekostet, in diesem einen Moment, diesen 3-4 Sekunden, nicht den alten Weg der Vermeidung, des Davonlaufens, der Ablenkung oder Passivität zu gehen, sondern den neuen der Aktivität (und zwar nicht irgendeiner, sondern genau die gerade vor mir liegenden Aufgabe anzupacken). Das Gefühl unmittelbar danach war gigantisch.
Immer, wenn ich es schaffe, das zu wiederholen, habe ich das Gefühl, gleichzeitig Protagonistin und Zeugin eines besonderen Ereignisses zu sein. Es fühlt sich wirklich unvergleichlich an. Und ich glaube, dass es - für mich - der Knackpunkt ist. Es geht natürlich auch um Listen, Pläne, Strategien, innere Einstellung usw... - aber es geht, was die Frage des zur Gewohnheit gewordenen Nicht-Tuns betrifft, um die schlichte (und doch so schwere) Umkehrung: hin zum TUN.

Tja, und während ich dies schreibe stelle ich fest, dass ich seit mindestens 10 Minuten den Gang zur Toilette aufschiebe. Also sollte je irgendwer in diesem Forum Zweifel am Schweregrad meiner Prokrastination haben: Hier ist der Gegenbeweis. Geht es noch bekloppter?

Ich geh jetzt pinkeln und dann geht's weiter.

Trödeltrine
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Re: Gemeinsam in den Kampf – wer ist dabei?

Post by Trödeltrine » Wed 7. Mar 2018, 18:10

So, wieder da. Zwischendurch hat noch das Telefon geklingelt - auch so etwas, das ich gern zur Flucht nutze. Aber welche Anrufe sind schon in dem Moment wirklich zwingend wichtig? Wie oft ist es nicht genausogut möglich, nach Beendigung einer Aufgabe oder eines Teilschrittes zurück zu rufen?

Also diese Sache mit dem Umkehren der Gewohnheit scheint mir vielversprechend.

Allerdings schafft das von uns "harten" Prokrastiniererinnen* niemand im Alleingang, will ich mal behaupten. Und damit meine ich, dass auch eine Therapie mit wöchentlichen Sitzungen nicht reicht. Sondern es müsste täglich für eine gewisse Zeit oder sogar mehrmals eine Therapeutin ins Haus (oder Büro, je nachdem, wo das Hauptproblem gerade liegt) kommen und direkt vor Ort direkt an den bestehenden Aufgaben trainieren. Ist meine Meinung.

Aber ich hab noch niemals von einer Therapieform gehört, bei der das so lief, weiß auch nicht, ob das mal erforscht wurde. Klar macht das mehr Aufwand und damit kostet es mehr Geld. Wenn es aber, im Gegensatz zu allen bisherigen Ansätzen, wirksam ist, wäre das sehr gut angelegtes Geld und immer noch deutlich billiger für die Krankenkassen, als die vielen vielen Burnout- und Depressions- usw. Kuren für die Behandlung der Folgen des Aufschiebens.

Ok Trödeltrine, genug geträumt...

Und ich muss betonen, dass ich momentan nicht besonders up to date bin bezüglich aktueller Forschung zum pathologischen Aufschieben. Kann also sein, dass alles, was ich schrieb, längst bewiesen oder widerlegt ist.

Na ja, der Prokra-Ratgeber von den Uni-Münster-Leuten arbeitet auch intensiv mit irrsinnigen 9-Wochen-Konzepten und Listen und Plänen und Gedöns, und wenn man nicht sicher ist, ob man es mit dem Ratgeber allein schafft, soll man sich eine Therapeutin oder Beraterin suche. Steht im Vorwort. Das Wort "Selbsthilfegruppe" sucht man vergeblich, jedenfalls steht es nicht im Sachregister und die Kapitelüberschriften im recht detaillierten Inhaltsverzeichnis geben auch keinen Hinweis auf solche Ideen. Schade.

JavaBohne, wie siehst Du die Lage inzwischen? Ist da doch viel Zeit vergangen seit dieser Thread aktiv war...

Liebe Grüße, Trödeltrine



*Aus Gründen der Lesbarkeit verzichte ich auf die gleichzeitige Nennung der weiblichen und männlichen Form bei Personenbezeichnungen, die Männer sind selbstverständlich immer mitgemeint.
(Und alle, die sich nicht in diese Kategorien einsortieren möchten, auch... Sorry, bin momentan noch zu faul für den Stern. Aber er kommt. Sobald das mit der weiblichen Form etwas selbstverständlicher geworden ist, nehme ich auch das Gendergap-Sternchen dazu!)

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JavaBohne
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Re: Gemeinsam in den Kampf – wer ist dabei?

Post by JavaBohne » Mon 12. Mar 2018, 00:39

Trödeltrine wrote:
Wed 7. Mar 2018, 18:10
*Aus Gründen der Lesbarkeit verzichte ich auf die gleichzeitige Nennung der weiblichen und männlichen Form bei Personenbezeichnungen, die Männer sind selbstverständlich immer mitgemeint.
(Und alle, die sich nicht in diese Kategorien einsortieren möchten, auch... Sorry, bin momentan noch zu faul für den Stern. Aber er kommt. Sobald das mit der weiblichen Form etwas selbstverständlicher geworden ist, nehme ich auch das Gendergap-Sternchen dazu!)
Hallo Troedeltrine,

ich freue mich wirklich riesig, dass du mit deinen Kommentaren und Anregungen wirklich einen neuen Schwung in unser leicht schwaechelndes Forum bringst und ich hoffe, dass du auch weiterhin mit ganz vielen Posts, Fragen und Anregungen weiterhin dazu beitraegst.

Ich moechte dich aber bitten, dich wenn es um den Schreibstil geht, strikt an die weibliche, maennliche oder eine Mischform zu halten. Ein "/in" ist auch noch okay. Aber ich bitte dich keine weiteren neuen Zeichen, wie das "*" fuer irgendwen mit anzufuehren und zu benutzen. Es geht mir um die Lesbarkeit des fliessenden Textes, die bei ungewohnten Schreibweisen wie diesem nicht mehr gegeben ist.

Ich bedanke mich bei dir fuer deine Zustimmung und wuensche dir auch weiterhin viel Spass.

Viele Gruesse,
JavaBohne
Moderator

Trödeltrine
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Re: Gemeinsam in den Kampf – wer ist dabei?

Post by Trödeltrine » Mon 2. Jul 2018, 10:01

Hallo,
es würde mich wirklich interessieren, ob es hier noch andere Menschen gibt, die mit dem Habit Revearsal Training Erfahrungen haben, insbesondere bezüglich des Aufschiebens.

Weiter oben habe ich meine Gedanken dazu mitgeteilt, dass ich nämlich denke, in einer erfolgversprechenden Therapie müsste es möglicherweise genau darum gehen: nicht nur über das Problem reden, sondern auch im Kontakt zwischen therapierender und aufschiebender Person die Veränderung herbei zu führen, mit andern Worten: die Patientin in der akuten Situation des möglichen Aufschiebens zu begleiten und darin zu unterstützen, es diesmal anders zu machen.

Ich habe keine Möglichkeit einer solchen Therapie, aber wenn meine Entschlusskraft und meine allgemeine Energie und Bewusstheit es zulassen, arbeite ich momentan genau damit: JETZT nicht sozusagen reflexartig dem vertrauten Weg folgen, sondern INNEHALTEN und eine ENTSCHEIDUNG treffen: Will ich weitermachen wie bisher, mit allen bekannten Folgen, oder will ich den neuen Weg gehen?
Manchmal klappt es, den neuen Weg zu gehen. Und da ich von der Neuroplastizität des menschlichen Gehirns ausgehe, nehme ich an, dass mit jedem Mal, da ich es schaffe, die entsprechenden Synapsen mehr werden bzw. die "neuronalen Pfade breiter", so dass Fortschritt und möglicherweise sogar etwas, das einer Heilung nahekommt, möglich werden kann.

Übrigens würde ich das nicht allein schaffen. Ich besuche wöchtentlich eine Selbsthilfegruppe und zwischen den Terminen nehme ich vielfältige Unterstützung in Anspruch, u.a. in Form von Telefonaten, SMS und Erledigungstreffen bzw. Situationen, in denen gleichzeitig gearbeitet wird (also jede*r am eigenen Zeug, aber eben im gleichen Raum oder zumindest in der gleichen Wohnung).
Mit anderen Worten: Eigene Entschlusskraft plus Unterstützung durch andere, auch in Form von sozialer Kontrolle. Für mich momentan eine gute Mischung.

Und ich gelange immer mehr zu der Überzeugung, dass das einzige, das mich jetzt noch von der Heilung abbringen kann, ein Übermaß an sekundärem Krankheitsgewinn oder eine vom Aufschieben mindestens teilweise unabhänigige weil depressiv bedingte Antriebsschwäche wäre.
Beides "meldet" sich von Zeit zu Zeit. Aber da ich kapiert habe, dass niemand außer mir selbst mein Leben in die Hand nehmen kann und muss, nehme ich den Kampf gegen diese Monster mit an Stumpfsinnigkeit grenzender Hartnäckigkeit jedes Mal wieder auf.
Ja, vielleicht bin ich wie Sisyphs. Aber vielleicht bleibt der Stein ja irgendwann doch oben liegen. Ich weiß ganz sicher, dass es mir mit Stillstand am Fuße des Berges schlechter gehen würde als damit, in hoffnungsvoller Bewegung zu bleiben, und so lange das so ist, mache ich weiter. Nach dem Motto des guten allten B.B.: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."

Was meint Ihr?

Trödeltrine
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Re: Gemeinsam in den Kampf – wer ist dabei?

Post by Trödeltrine » Sat 11. Aug 2018, 15:54

Aus gegebenem Anlass möcht' ich diesen Thread noch mal aus der Versenkung holen.

Das mit dem Habit Revearsal Training finde ich immer noch spannend und würde mich wirklich sehr sehr freuen, wenn sich noch Leute am Austausch beteiligen.

@JavaBohne: solltest Du der Meinung sein, dass hier ein neuer Thread beginnen müsste, dann lass' mich das wissen und ich beginne selbst einen. Aber eigentlich passt es meiner Meinung nach noch gut zum ursprünglichen Thema.

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JavaBohne
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Re: Gemeinsam in den Kampf – wer ist dabei?

Post by JavaBohne » Sat 11. Aug 2018, 19:18

Hallo Troedeltrine,

Du bist wirklich unermuedlich in deinem Tun (smile), und mir gefaellt das ausserordentlich gut!

Nein, ich habe keineswegs etwas dagegen, wenn du diesen Thread wiederbelebst und ihn thematisch anpasst. Das Thema "Gemeinsam in den Kampf - wer ist dabei?" ist weit genug abgefasst, so dass du hier wirklich in die Vollen gehen kannst.

Viele Gruesse und vor allem viel Spass,
JavaBohne
Moderator

Trödeltrine
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Re: Gemeinsam in den Kampf – wer ist dabei?

Post by Trödeltrine » Wed 15. Aug 2018, 19:52

Hallo JavaBohne,

Du hast bislang nur Kommentare zu irgendwelchen Nebensächlichkeiten von mir geschrieben und bist nicht auf meine Überlegungen zum Habit Revearsal Training eingegangen, schade. Na ja, niemand ist verpflichtet hier etwas zu schreiben. Andererseits hattest ja Du selbst das Thema aufgeworfen. Interessiert es Dich nicht mehr?

Ich werde nun doch mal einen neuen Thread einrichten, denn das hier war ja ursprünglich eine Art virtuelle Selbsthilfegruppe, während die Frage nach dem Impuls und der Umkehrung doch etwas anders gelagert ist, denke ich.
Vielleicht entsteht dort ja ganz frisch eine neue Diskussion.

Ich werde verutlich Teile meiner bisherigen Posts dorthin kopieren, so dass es kleine Dopplungen geben könnte. Ich hoffe, das ist ok - wenn nicht bitte ich Dich, mich das wissen und selbst ändern zu lassen und nicht nach Deinem Gutdünken meine Beiträge zu verändern. Danke für Dein Verständnis.

Viele Grüße, Trödeltrine

PS: Hier geht es zum neuen Thread: http://www.prokrastination.net/forum/vi ... 86ba9dbb05. Falls der Link nicht geht, der Titel ist: "Lernen vom Habit-Reversal-Training?"

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