Was ist Prokrastination?

Themen, die irgendwie mit oder doch nicht mit Prokrastination zu tun haben.
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JavaBohne
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Was ist Prokrastination?

Post by JavaBohne » Wed 8. Aug 2018, 11:16

Hallo Foristen,

Ich moechte eine kleine Diskussion anstossen, die zum Thema hat "Was ist Prokrastination". Dazu gebe ich einen kleinen Auszug aus Wikipedia, Thema: Prokrastination wieder.

Zitat Wikipedia.de: "Prokrastination (lateinisch procrastinare „vertagen“; Zusammensetzung aus pro „für“ und cras „morgen“), auch extremes Aufschieben, ist eine Arbeitsstörung, die durch ein nicht nötiges Vertagen des Arbeitsbeginns oder auch durch sehr häufiges Unterbrechen des Arbeitens gekennzeichnet ist, sodass ein Fertigstellen der Aufgaben gar nicht oder nur unter enormem Druck zustande kommt. Dies geht fast immer mit einem beträchtlichen Leidensdruck einher.

Pathologisches Aufschieben muss unterschieden werden vom alltäglichen Trödeln, zum Beispiel vom Aufschieben bei aversiven Aufgaben, das viele Menschen kennen (nur 1,5 % einer studentischen Population berichteten, gar nicht aufzuschieben), dem Vertagen von Aufgaben aufgrund anderer, nötiger Prioritätensetzung sowie einem erfolgreichen Arbeiten kurz vor einer Frist, wodurch es weder zu Leistungseinbußen noch zu subjektivem Leiden kommt. Während umgangssprachlich häufig vom „Studentensyndrom“ gesprochen wird, handelt es sich bei Prokrastination um eine in der Gesamtpopulation vorkommende Arbeitsstörung, die besonders bei Personen zutage tritt, die hauptsächlich selbstgesteuert arbeiten müssen (z. B. Studenten, Anwälte, Journalisten, Lehrer). Betroffene leiden meist dauerhaft darunter, berichten teilweise, bereits zu Schulzeiten Probleme gehabt zu haben, und erleben dies auch in ihrem späteren Berufs- und Privatleben.

Das Gegenteil der Prokrastination ist die Präkrastination.[1]
Zitat Ende
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Prokrastination, erster Absatz, 08-08-2018


Wie denkt ihr ueber Prokrastination? Was bedeutet die Prokrastination fuer euch? Den Titel zum Thema seht bitte locker. Jede Erweiterung des Themas ist ausdruecklich erwuenscht.

Viele Spass,
JavaBohne

Bibabutzefrau
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Re: Was ist Prokrastination?

Post by Bibabutzefrau » Thu 9. Aug 2018, 19:30

Hallo Javabohne,
das macht aber nicht sehr viel Spass, was du da von uns Foristen möchtest. (Scherz)
Ich wollte lieber eigentlich den Foristen (ein lustiges Wort. Ich bin als Frau dann eine Foristin, nicht wahr? Klingt ähnlich meinem Wunschberuf: Floristin) den Vortritt lassen die hier schon lange sind und sich bestimmt besser auskennen. Sie schreiben aber vielleicht niemals weil viele von ihnen sehr inaktiv sind. Na schön ich fange an:
Ich denke die Prokrastination ist die Krankheit die mich vom glücklich Sein abhält. Ich bin nicht dumm. Studium hat lange gedauert na ja. Wie sicher bei vielen von uns. Studentenkrankheit? Vielleicht. Aber ich habe Talente und Fähigkeiten und sie treten nicht ans Licht der Welt weil ich manchmal schon den Tag mit Aufschieben anfange und gar nicht erst aufstehen will.
Prokrastination ist meine persönliche Bremse. So leide ich unter Stillstand und Minderwertigkeitsgefühlen. Wir kennen den Teufelkreis alle.
Ich denke es ist genetisch. Meine Eltern haben auch viele Sachen aufgeschoben. Nur um mich haben sie sich immer gut gekümmert.
Ich hasse die Prokrastination weil sie mich zwingt mich selbst zu hassen.
Eure Foristin-Kollegin Babette die Bibabutzefrau

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JavaBohne
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Re: Was ist Prokrastination?

Post by JavaBohne » Thu 9. Aug 2018, 22:40

Hallo Babette,

weisst du, wenn du schreibst "Hallo Foristen" sind laut Grundlagen der geschriebenen Deutschen Sprache ausnahmslos alle Teilnehmer des Forums gemeint. Das Geschlecht spielt dabei keine Rolle, obwohl der Plural feminin gebildet wird, wie alle Plurale in der Deutschen Sprache - nun hoffe ich, dass meine letzte Aussage zu 100% stimmt, aber mir faellt keine Ausnahme ein (lach).

Nun, das Problem der Prokrastination beginnt bereits mit der Kategoriesierung. Die Wissenschaftler koennen sich nicht einigen, ob sie eine Krankheit, eine Persoenlichkeitsstoerung oder nur eine schlechte Angewohnheit ist. Denn die Prokrastination erfuellt die Anforderungen aller drei Kriterien oder Kategorien, wie du moechtest.

Grundsaetzlich laesst sich die Prokrastination in zwei Hauptgruppen einteilen. Die studentische/akademische Prokrastination und die pathologische/chronische Prokrastination. Erstere erfuellt sowohl das Kriterium der Stoerung als auch der Angewohnheit. Sie ist therapierbar und heilbar! Letztere hingegen ist krankhaft. Das heisst, nicht heilbar und entzieht sich fast immer jeder therapeutischen Anstrengung (ich vermeide hier absichtlich den Passus "nicht therapierbar").

Woher kommt die Prokrastination? Sie wird einerseits als "von den Eltern abgeguckte" schlechte Angewohnheit - also antrainiert, oder als Persoenlichkeitsstoerung - somit psychologisch, und im zunehmenden Masse (habe kein sz) als vererbbar/ererbbar, also genetischen Ursprungs angesehen - und somit chronisch krank in der Bedeutung von "geht nicht mehr weg" (lach).

Wenn du diese Aussagen ansiehst, verstehst du, warum es bis zum heutigen Tage keine nachhaltige Therapie gegen die Prokrastination gibt, bzw. geben kann.

Viele Gruesse,
JavaBohne

Trödeltrine
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Re: Was ist Prokrastination?

Post by Trödeltrine » Sat 11. Aug 2018, 15:09

Hallo JavaBohne,

von feminin gebildetem Plural hab ich ja noch nie gehört, wo hast Du das denn her? Sorry, off topic...

Apropos: Ich kapiere einfach nicht, wie die Struktur des Forums gedacht ist. Die Frage danach, was Prokrastination eigentlich ist, halte ich für sehr zentral. Dass sie jetzt unter "Sonstiges" steht, wo es laut Beschriftung des Bereiches um "Themen, die irgendwie mit oder doch nicht mit Prokrastination zu tun haben" gehen soll, irritiert mich doch sehr.
Ja, alle anderen Bereiche passen auch nicht so richtig. Aber vielleicht fehlt einfach ein Bereich, z.B. mit dem Titel "Prokrastination allgemein - Definitionen, Arten und Unterarten, Forschung und Diskussion der Grundlagen" oder so...
Nur so als Anregung.

Übrigens sind nicht alle Folgen genetisch bedingter Störungen und chronischer Erkrankungen therapierestistent, und nicht alles krankhafte ist auch gleich unheilbar. Bitte sei vorsichtig, was Du da in die Welt setzt.

Meine Meinung ist: Wenn sich die Prokrastination oder Deine Prokrastination allen bisherigen therapeutischen Interventionen widersetzt, dann sagt das zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Prokrastinations- und der Therapieforschung noch nicht viel aus, denn es wurde schlicht noch nicht annähernd alles erforscht, was sinnvoll und naheliegend ist.

...

Wenn mir jemand stichhaltig und unwiderlegbar beweist, dass Heilung unmöglich ist, dann gebe ich Ruhe - vorher nicht.
Sorry JavaBohne, aber so sehe ich es. Meinungsvielfalt! *lach*
Nun mögen sich die Lesenden selbst ein Bild machen.

Nix für ungut und ein schönes Wochenende noch!
T.
Last edited by Trödeltrine on Sat 5. Jan 2019, 00:55, edited 1 time in total.
Schade, aber so ist's: Mit Beginn des Jahres 2019 verabschiede ich mich schweren Herzens aus dem Forum. Was ich schrieb, nehm' ich (größtenteils) wieder mit in der Hoffnung, einen passenderen Ort dafür zu finden.

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JavaBohne
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Re: Was ist Prokrastination?

Post by JavaBohne » Sat 11. Aug 2018, 16:38

Hallo Troedeltriene,

vielen Dank fuer deinen langen Beitrag. Nun, ich denke schon, dass dieses Thema sehr gut in "Sonstiges" passt. Siercherlich laesst sich ueber die Beschreibung streiten, aber hier kann man sich themenmaessig nicht verrennen oder off-topic schreiben, weil man doch in "Sonstiges" schreibt und hier alles reinpasst.

Die Foren: Therapie, Selbsthilfegruppen, etc. sollten nicht mit langen Diskussionen vollgeschrieben werden. Deshalb erlaube ich mir Themen zu spalten und zu verschieben, um die Themengruppen sauber und uebersichtlich zu halten. Sicherlich koennen wir uns darueber unterhalten, ob es Sinn macht fuer mehr Vielfallt zu sorgen und deine vorgeschlagenen Themen als eigenstaendige Forum mit aufzunehmen. Dazu bin ich zu einem spaeteren Zeitpunkt gerne bereit.

Zu deiner Kritik nur ganz kurz. Wenn du Meinungsfreiheit fuer dich einforderst, solltest du sie auch fuer andere gelten lassen, z. B. fuer mich! Aber natuerlich schreibe und behaupte ich nur das, was ich selbst auch beweisen kann, wenn ich muss.

Hier ist ein Interview, dass mit Frau Prof. Dr. Katja Kanzler gefuehrt wuerde.
https://campusradiodresden.de/2015/02/2 ... andhabbar/

Das ist natuerlich nur ein Link von vielen, aber ich denke, bereits damit bin ich deinem Wunsch nachgekommen, dir aufzuzeigen, dass die "JavaBohne" nicht schreibt, ohne es belegen zu koennen.

Im Uebrigen findest du im gesamten Forum unzaehlige Links von mir, die immer wieder meine Aussagen untermauern, egal welche Informationen von mir kommen. Dennoch, bleib wie du bist und sei weiterhin kritisch. Das gefaellt mir (smile).

Viele Gruesse,
JavaBohne

Trödeltrine
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Re: Was ist Prokrastination?

Post by Trödeltrine » Tue 14. Aug 2018, 10:07

Ach JavaBohne,

ich schreibe hier doch nicht, damit es Dir gefällt. (smile) Und ich brauche auch keine Erlaubnis von Dir, so zu bleiben wie ich bin (ebenso wenig wie dafür, mich zu verändern).

Ich hab's eigentlich schon so ziemlich aufgegeben, hier Meinungsfreiheit für mich einzufordern. Dazu hast Du mir in der Vergangenheit durch Verschieben, Löschen und Bannen allzu klar gemacht, dass die hier nicht für alle gilt wenn dem Moderator was nicht passt. Ich schrieb von Meinungsvielfalt, die ich nach wie vor wünschenswert finde.

Und ich wüsste nicht, wo ich Deine Meinungsfreiheit in Frage gestellt hätte. Ich bat lediglich um Belege für Behauptungen und wies darauf hin, dass Rückschlüsse wie "krankhaft - das heißt nicht heilbar" sachlich falsch sind. Klar kannst Du schreiben und meinen was Du willst, tust Du ja auch. Ich reagiere dann halt darauf und schreibe, dass ich Deine Meinung teile - oder auch nicht. Und schon sind wir im Gespräch und können beide dazulernen, wenn wir wollen. :-)
Oder was verstehst Du unter Meinungsfreiheit?

Ich finde es sehr interessant, wie viel Diskussionsstoff sich ergibt aus der Frage, was Prokrastination eigentlich ist! Und ich freue mich über Deine Bereitschaft, künfitg auch über die Einrichtung weiterer entsprechender Bereiche im Forum nachzudenken.

Die Professorin in dem von Dir dankenswerterweise verlinkten Interview (über eine "Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten" an der Uni Dresden, also handelt es sich wohl um das "studentische Prokrastinieren"...) ist lobenswert engagiert, jedoch ist sie keine Prokrastinationsexpertin, sondern Literaturwissenschaftlerin.
Sie sagt, Prokrastination sei natürlich nicht völlig heilbar weil sie eine menschliche Eigenschaft sei (wohl nach dem Motto: jeder verschiebt mal was unbequemes auf später...) Inwiefern ich das Interview jetzt als Beleg für irgendetwas auffassen soll, erschließt sich mir daher noch nicht ganz. Aber vielleicht meintest Du eine andere Stelle, die ich überhört habe? Dann wäre ich froh über einen Hinweis und höre noch mal rein.

...

Einen guten Tag und viele Grüße,
Trödeltrine
Last edited by Trödeltrine on Sat 5. Jan 2019, 00:56, edited 1 time in total.
Schade, aber so ist's: Mit Beginn des Jahres 2019 verabschiede ich mich schweren Herzens aus dem Forum. Was ich schrieb, nehm' ich (größtenteils) wieder mit in der Hoffnung, einen passenderen Ort dafür zu finden.

pro-cras
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Re: Was ist Prokrastination?

Post by pro-cras » Sun 25. Nov 2018, 16:03

Ist Prokrastination heilbar, und was soll ich darunter verstehen?

Vielen Dank für die Foristen, die sich hier mit der Prokrastination auseinandergesetzt haben – ich habe wieder Neues und für mich Wichtiges gelernt. Dafür bin ich euch dankbar!

Erstens:
In diesem Thread wird die Behauptung aufgestellt, Prokrastination sei, sofern studentisch/akademisch, eine Störung und Angewohnheit und somit „heilbar!“ (sic). Als Beweis wird hierfür speziell ein Interview mit der Organisatorin einer „Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“, Frau Prof. Katja Kanzler an der Universität Dresden zitiert, die dort aber genau das Gegenteil sagt: Ich zitiere aus dem als Link angebotenen Interview: „Völlig heilbar ist Prokrastination natürlich nicht… aber sie handhabbar.“ Der Begriff „handhabbar“ gefällt mir in diesem Zusammenhang sehr gut, trotzdem bin ich nur zum Teil einverstanden, wenn es wieder einmal um eine spezielle Sonderform der Prokrastination geht: die "akademische/studentische" Prokrastination.

Hier daher mein zweites Lernthema:
Dürfen wir uns tatsächlich von dieser scheinbar so einleuchtenden Zwei-Klassen- Prokrastination, also der Einteilung in studentisch/akademisch und chronisch/pathologisch beeindrucken und dazu verführen lassen, Aussagen über ihre unterschiedliche Heil- oder Handhabbarkeit zu treffen?
So wie ich Prokrastination täglich kennenlerne, ist sie ein Symptom-Gemisch („Syndrom“), dessen Einzelsymptome und -Auslöser je nach Alters- und sozialem Umfeld unterschiedlich verteilt sein können. Dass dabei in exklusiv akademischen Kontexten die Fragen des Zeitmanagements besonders in den Beobachtungsfokus rücken, scheint zunächst logisch, ist aber nicht wirklich geeignet für eine allgemeingültige Kategorisierung, weil dadurch lediglich und unter Ausschluss anderer Ursachen bestimmte äußere Umstände beobachtet werden, aber keine grundlegenden. Dabei werden Schwächen und Defizite im Zeitmanagement auch in fast allen anderen Prokrastinations-Kontexten (von der Steuererklärung bis zum Kelleraufräumen) beobachtet. Zeitmanagementschwache Rechtsanwälte möchten sich übrigens mit Recht nur ungern in die Zeit des Vor-Referendariats zurückbeurteilt sehen.

Ob der/die Betroffene sich mit deren Auslösern ihres Aufschiebens auseinandersetzen mag, ob er/sie gegebenenfalls in der Lage ist, selbständig eine Verbesserung herbeizuführen, und ob er/sie irgendwo den notwendigen Motivationsschub findet, ist in all diesen Szenarien weniger eine Frage der Ableitung von einem phänomenologischen Umfeld, als von der intrapsychischen belastenden Ausgangssituation.

Wenn verbesserte Methoden des Zeitmanagements, gängige Tipps und Tricks für die Projektorganisation oder sachgerechtere Planungsinstrumente zu besseren Ergebnissen führen, hat das nichts grundsätzliches mit dem Anwendungsgebiet (z.B. Studium) zu tun. Und wenn dies alles nicht helfen sollte, weil tief verankerte Sabotageprogramme, Befürchtungen oder Überzeugungen unerkannt die Steuerung übernommen haben, kann das gleichermaßen Einfluss nehmen: Auf ein mehr oder weniger gelingendes Zeitmanagement wie auf jede Art von Entscheidungsfreude und Unentschlossenheit.

In dem zitierten Interview wird bezeichnenderweise darauf hingewiesen, dass die in der „Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ angebotenen Hilfen, Workshops und Beiträge aus den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten kamen. Von der medizinischen ist nicht die Rede. Handhabbarkeit wurde also durchaus von den Kulturwissenschaften erwartet, sogar auf das Angebot von Yoga und anderen Entspannungsangeboten wurde explizit hingewiesen. Heilung als typisch medizinische Domäne wird speziell für die Prokrastination nicht erwartet, offenbar weil diese als „menschlicher Teil von uns allen“ zu sehen ist. Sie ist nicht Krankheit, sondern allenfalls als Teil einer komplexen Krankheits-Symptomatik.

So meine ich, dass es methodisch ungenau ist, von akademischem Prokrastinieren als eigene Form der Prokrastination zu sprechen. Ebenso ungenau, wie wenn man behaupten wollte, es gebe neben einer „pathologischen/chronischen“ Obesität eine spezielle Kraftfahrer-Obesität, nur weil in dieser abgrenzbaren Berufsgruppe eine gewisse Fettleibigkeitshäufung festgestellt wird. Die rührt aber nicht notwendigerweise von der kraftfahrenden Berufstätigkeit, sondern von der Art und weise, wie sich einzelne Kraftfahrer bewegen, ernähren, ausruhen etc. Tatsächlich findet sich Fettleibigkeit in allen Berufs-, Gesellschafts- und Altersschichten und aus den unterschiedlichsten Gründen, sodass neben der Frage der Bewegung und des Essverhaltens auch in den Bereichen Genetik, Sucht, Pharmakologie und Biologie nachgeschaut werden muss, wenn man zu einer umfänglichen Sicht auf das Phänomen kommen will. Kraftfahrer zu sein ist ebenso wenig ein Sonderstellungsmerkmal wie Studierende/r.

Analog dazu sollten wir nicht mehr versuchen, die Prokrastination nach bestimmten Erscheinungskriterien zu klassifizieren (z.B. defizitäres Zeitmanagement vs. psychische Störung), sondern akzeptieren, dass hinter den vielfältigen und durchmischten Erscheinungsbildern der Prokrastination jeweils individuell ein Erfahrungs- und ein Erwartungs-Potenzial wirksam ist, das uns im Sinne eines existenziellen Selbst-Schutzes auffordert, die Sinnhaftigkeit und Kohärenz unseres Tuns zu hinterfragen, uns also hindern will, ein falsches oder ein falsch motiviertes Leben zu führen.

Um also der ganzen Theorie noch eine praktische Anwendung mitzugeben für Prokrastinations-Betroffene:

Prokrastination nicht als Krankheit zu begreifen, die es weg zu machen gilt, sondern als Signal des Bewusstseins oder auch des Körpers: Ein Sich-Wehren gegen Umstände, die nicht passend sind, wäre nicht die schlechteste Idee. So kann Prokrastination ein guter Anlass sein, die Sinnhaftigkeit dessen, was wir uns vorgenommen haben, oder was uns zur Erledigung vorgelegt wird, kritisch und konstruktiv in Bezug auf unsere Wünsche und Werte zu hinterfragen.
Ein interessanter und amüsanter Wechsel der Perspektive könnte hierbei das Lesen über "Bulllshit-Jobs" sein (z.B. von David Greaber, erschienen bei Klett-Cotta).
Viele Grüße
pro-cras

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JavaBohne
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Re: Was ist Prokrastination?

Post by JavaBohne » Sun 25. Nov 2018, 22:57

Hallo pro-cras,

Vielen Dank fuer deinen Post. Ich habe nicht nur etwas behauptet, sondern mit Fachbeispielen wie einem Wikipediaauszug und dem Link zu einem Pod von Frau Prof. Dr. Katja Kanzler eindeutig unterlegt. Damit wollte ich eine Diskussion anregen, was mir offenbar sehr gut gelungen ist. In diesem Zusammenhang moechte ich noch einmal - und ich werde das offenbar in Zukunft oefter tun (smile) - auf dem derzeitigen fuehrenden Wissenschaftler Prof. Dr. Piers Steel, ebenso auf Prof. Dr. Cornelius Koenig hinweisen, die nicht nur mit ihrer hochwertigen und international anerkannten und mit Preisen ausgezeichnete Fachliteratur glaenzen sondern mit ihrer unermuedlichen Forschung von mittlerweile wie bei Steel etliche Jahrzehnte Vertrauen in ihre Arbeit verdienen.

Hier noch einmal der Link mit besagten Informationen:
http://www.prokrastination.net/forum/vi ... 5d6317156a

Lieber pro-cras, wenn etwas handhabbar ist, so ist das noch lange nicht heilbar. Wenn Professoren der Klasse Steel und Koenig nach jahrelanger Forschung ihre Ergebnisse publizieren, dass die chronische/pathologische Prokrastination nicht heilbar ist, sondern "lediglich" (bleiben wir bei dem Ausdruck) handhabbar oder behandelbar, und wenn Frau Prof. Dr. Kanzler derselben Meinung ist, auch hier im Beispiel auf die studentische/akademische Prokrastination, bin ich fest davon ueberzeugt, das ich diesen Experten mein Vertrauen schenken kann.

Die Informationen, die ich weiter oben aus Wikipedia.de uebernahm wurden von eben den Publikationen der Experten entnommen, die ich teilweise hier erwaehnte. Auf der amerikanischen Wikipediaseite zum Thema "Procrastination" gibt es allerdings eine Fuelle weiterer Informationen dieser Professoren.

Viele Gruesse,
JavaBohne

pro-cras
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Re: Was ist Prokrastination?

Post by pro-cras » Mon 26. Nov 2018, 10:53

Hallo JavaBohne,

wieder einmal zeigt die Diskussion, dass der Streit um die „Heilbarkeit“ von Prokrastination zu aller erst nichts anderes aufdeckt als den nachlässigen Gebrauch der Begriffe, und zwar sowohl den der „Heilbarkeit“ als den der „Prokrastination“.

Prof. Kranzler hat sicherlich Recht, wenn sie einwendet, dass Prokrastination in gewissem Umfang „menschlicher Teil von uns allen“ ist (Zitat aus der bereits erwähnten Audio-Datei zur „2. Nacht…“), und insofern keinen besonderen Anlass zu heilerischer Intervention darstellt. Der ist dort zu suchen, wo Krankheit stattfindet. Die jeweilige Abgrenzung innerhalb dessen, was für uns „gesundes, tolerierbres, störendes, krankhaftes Aufschieben“ bedeutet, wird nicht dadurch ersetzt, dass man Aufschieben nach seinen Erscheinungsformen betrachtet, anstatt nach seinen Ursachen. Ich habe darauf schon in meinem letzten Post hingewiesen. Noch einmal: die Einteilung zwischen akademisch/studentisch und chronisch/pathologisch ist in Bezug auf die Prokrastination irreführend und methodisch falsch.,

Was "Heilung" bedeuten soll, darüber gibt es eine Vielzahl von Vorstellungen, die sehr viel mit dem jeweiligen fachlachen Hintergrund wie auch mit der argumentativen Zielsetzung zu tun haben.

„Heilung“ zielt In meiner professionellen therapeutischen Arbeit (und somit auch bei der Prokrastination) immer auf die Re-Integration unzureichend verarbeiteter Erfahrungen, mit dem Ziel, bestehende Handlungsblockaden aufzulösen (die z.B. davon abhalten, sich mit Folgesymptomen wieunzureichendes Zeitmanagement, chaotischer Ordnungsbegriff, Ängstlichkeiten etc. auseinanderzusetzen).

Hierfür spielen für mich tiefenpsychologische und behaverioristische Ansätze eine zentrale Rolle, die insbesondere in der Anwendung von EMDR ihren therapeutischen Ausdruck finden – einer Methodik, die von Francine Shapiro in den 90er Jahren für die Heilung einfacher und komplexer posttraumatischer Belastungsstörungen entwickelt und seither ständig weiterentwickelt wurde – so auch von M.D. Daniel J. Siegel, preisgekrönter Hochschullehrer an der UCLA (University of California, Los Angeles). Er forscht als Leiter des Center for Human Development u.a. über den Einfluss grundlegender biologischer Prozesse bei der Blockierung von Geisteszuständen eines Menschen. Seine Arbeit ist für mich eine wichtige Orientierungsgröße, da überschießende Aufschiebebereitschaft sehr oft Ausdruck einer misslungenen Integrierung belastender Vor-Erfahrungen ist, die durch die Anwendung von EMDR nach-integriert werden können.

Siegel schreibt in seinem Aufsatz „Die Entwicklung des Geistes und die Auflösung von Traumata: Einige Ideen zur Informationsverarbeitung und eine interpersonelle Neurobiologie der Psychotherapie“ – erschienen in „EMDR als integrativer psychotherapeutischer Ansatz, Francine Shapiro (Hrsg.), 2003 was ich hier sinngemäß wiedergebe, dass nämlich
der Heilungsprozess weitaus mehr bedeute als die Modifikation des mit traumatischen Erinnerungen verbundenen Belastungsgrades, sondern die Möglichkeit, den Geist zur Wiederaneignung seiner natürlichen … Integrationsfähigkeit zu geleiten. Die durch die neu erlangte innere Kohärenz bewirkte Stärkung des autonoetischen (i.e.: sich selbst betrachtenden) Bewusstseins ermögliche es, flexibler über die Vergangenheit zu reflektieren, voll und ganz in der Gegenwart zu leben, und in der Zukunft ein aktives Selbstgefühl zu entwickeln. Neben der Bewältigung der blockierenden Vergangenheit sei der Geist somit in der Lage, in Hinblick auf die Zukunft ein Gefühl der Hoffnung zu entwickeln, was die Betroffenen wieder zu aktiven Gestaltern der eigenen Lebensgeschichte mache. Dies sei übrigens kein ein für alle Male erreichbares Resultat, sondern ein fortlaufender Prozess.

Soviel zur „Heilung“, die ich in Bezug auf die Prokrastination als einen Prozess sehe, um zu einer neuen Autonomie im Handeln und im Entscheiden zu gelangen, zukunftsorientierte Lebensäußerungen, die nicht länger durch unbewusste Sabotageprogramme vordefiniert bleiben sollen. Entsprechend dem Vorgenannten kann "Heilung" immer wieder gelingen, aber nicht endgültig sein. Auch in Bezug auf die Aufschiebeversuchung erleben wir, dass der Impuls zum Tun von Zeit zu Zeit neu und aktiv gegeben werden muss.

Wie in diesem praktisch/therapeutischen Zusammenhang die Veröffentlichungen des Prof. Steel zu sehen ist, will ich gerne in einem späteren Post thematisieren, um diesen hier nicht zu überfrachten.
Viele Grüße
pro-cras

pro-cras
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Re: Was ist Prokrastination?

Post by pro-cras » Thu 29. Nov 2018, 12:46

Lieber JavaBohne,

Ich begrüße sehr, dass du die Frage nach dem Wesen der Prokrastination weiterhin in Bewegung hältst, was mir umso wichtiger ist, weil viele Betroffene nach wie vor mit ihrem Problem allein gelassen sind. Das fällt erst recht auf, nachdem dieser Tage wieder einmal mit einem neuen Buch über Depression diese nahe Verwandte in den Fokus der öffentlichen Anteilnahme gehoben wurde, während die Prokrastination (als ihre "eineiige Zwillingsschwester") als ebenso potenziell zerstörerische und gleichzeitig weitverbreitete seelische Störung immer noch nicht ausreichend verstanden und gewürdigt wird.

Ob eine Anerkennung sprich Listung im ICD-10 oder DSM V sinnvoll und hilfreich wäre, kann natürlich nicht für den Einzelfall vorhergesagt werden. Sicher aber ist: Heilung bzw. Handhabbarkeit sind mit den bekannten Einschränkungen möglich, verlangen derzeit aber neben einem fachkundigen Therapeuten auch die persönliche Bereitschaft und Möglichkeit des jeweils Betroffenen, mit eigenen finanziellen Ressourcen alleine für die Therapie zu sorgen.

So erscheint es durchaus als legitim, die Symptome einer ausgeprägten Prokrastination als Ausdruck einer der anerkannten Persönlichkeitsstörungen wahrzunehmen. Das wäre für das Verständnis einer ausgeprägten Prokrastination hilfreich und könnte u.U. dem/r Betroffenen – im Sinne einer kassensubventionierten ärztlichen Betreuung – den Umgang mit seinem Leiden erleichtern. (Ob die dann kassenseitig verfügbaren kognitiven und vehaltenstherapeutischen Therapieangebote wirklich hilfreich sind, und ob vielleicht dennoch komplementäre Therapie-, Coaching- oder Beratungs-Angebote sinnvoll wären, bleibt dennoch eine erst im Einzelfall zu beantwortende Frage). Es bleibt aber immer eine Regelung "durch die Hintertür", solange eine Anerkennung "prima vista" nicht möglich ist.

Zum Verständnis, aus welchem Sichtwinkel eine ausgeprägte Prokrastination das Zeug zur veritablen Persönlichkeitsstörung hat:

Persönlichkeitsstörungen werden in der medizinischen Betrachtung meist in drei Hauptgruppen unterteilt:

Die Hauptgruppe A umfasst unter den Stichworten „sonderbar, exzentrisch“ die paranoiden und schizoiden Persönlichkeitsstörungen. Vor allem die paranoide Verlaufsform kann prokrastinationstypisch sein:
Für Betroffene drückt sich das dann in einer abwartenden Haltung aus, weil sie immer darauf gefasst sind, von anderen angegriffen oder verletzt zu werden. Auf Kritik reagieren sie überempfindlich und zeigen übertriebene und unangemessen übervorsichtige Reaktionen in Konflikten oder Streitigkeiten. Zum Zwecke der Vermeidung werden dann bestimmte Handlungen oder Entscheidungen nicht zeitgerecht vorgenommen, sondern lieber aufgeschoben, damit sie sich nicht unkontrollierbar einer Kritik aussetzen.

Die Hauptgruppe B fasst unter den Stichworten „dramatisch, emotional, launisch“ die histrionische, narzisstische, dissoziale und die Borderline-Persönlichkeitsstörung zusammen.
Die hier zusammengefassten Symptome sind Formen des Selbstzweifels, die sich auch hinter einem übergroßen Aufmerksamkeitsbedürfnis verbergen und der Perfektion Tür und Tor öffnen, ein brüchiges Selbstwertgefühl, überhöhte bis unrealistische Leistungsansprüche an sich und an andere, sowie daraus folgende Versagensängste und Arbeitsstörungen und -blockierungen. Hier finden sich auch Zeichen fehlender Impulskontrolle bzw. Frustrationstoleranz und emotionaler Instabilität wieder, ebenso wie eine gewisse Tendenz zur Normen- oder Autoritätsmissachtung und Verantwortungslosigkeit. Langfristige Konsequenzen einer Nicht/Handlung oder mögliche Alternativen werden nicht in Betracht gezogen. Alltägliche Routine führt bei Betroffenen schnell zur Langeweile und zum Aufgeben eines Vorhabens. Aber auch Erledigung unter Druck entsteht hier. Um etwas erfolgreich durchzuziehen, werden rücksichtslos bestimmte Formen der Manipulation wahrgenommen, sodass auch hier die Schaffung und Vereinnahmung von Ko-Betroffenen in Kauf genommen wird.

In der Hauptgruppe C finden sich Persönlichkeitsstörungen, die Verhaltensmerkmale aus dem Bereich der Angststörungen aufweisen. Stichworte sind „selbstunsichere, abhängige und zwanghafte“ Persönlichkeitsstörung.
Selbstunsicherheit macht schüchtern, gehemmt und unsicher. Sie fördert die Angst vor negativer Bewertung, Kritik oder Zurückweisung. Umso mehr lassen sich Betroffene von anderen Menschen oder von Institutionen für deren Belange benutzen (durch hemmungsloses Aufdrücken von Aufgaben oder das Abzweigen von Zeit und Aufmerksamkeit), sodass die Zeit für eigene Erledigungen und Verantwortlichkeiten fehlt. Diese Persönlichkeitsstörung wird oft schon in den frühen Jahren herangezüchtet. In diesem Umfeld entstehen sehr schnell auch die Öffnung zu bedeutenden Erweiterungen des Krankheitsbildes: Zum Thema Depression, Antriebslosigkeit und Hoffnungslosigkeit/Lebensenttäuschung bis hin zur Suizidgefährdung, zum Thema Angst, Ängstlichkeit und erlernte Hilflosigkeit, und zu bestimmten Formen von Zwangsverhalten – alles Störungsbilder, die genau auch in dieser Form auch der Prokrastination zuschreibbar sind.

Alle Persönlichkeitsstörungen der Gruppen A bis C sind eigenständig oder auch als miteinander verbundene Krankheitsbilder in Deckung zu bringen mit den unterschiedlichen Erscheinungsformen der Prokrastination. Die Erstattungsfähigkeit einer therapeutischen Begleitung der Prokrastination bei entsprechender Darstellung im Lichte dieser Persönlichkeitsstörungen wäre also durchaus erreichbar.

In der allgemeinen Einschätzung allerdings bleibt Prokrastination leider weiterhin als „Aufschieberitis“, als „Trödelei“, als „hedonistisches Prioritäten-Jonglieren“ und somit als ein „selbstverschuldet misslungener Genussgewinn“ deutlich, wenn auch zu Unrecht, unter der Schwelle zur seelischen Störung und damit außerhalb der medizinischen Wahrnehmung. Erst eine konsequente Bewusstmachung des enormen negativen bis zerstörerischen Potenzials der Prokrastination auf den Einzelnen wie auf alle Teile der Gesellschaft könnte daran etwas ändern. Die regelmäßig durch die Medien getriebenen „So…“ oder „Wie“-Artikel („Wie Sie nie wieder aufschieben…“) bewirken leider eher das Gegenteil: Die immer weiter geführte Verniedlichung eines bedeutenden Themas.

Es wäre zu wünschen, dass auch in Deutschland eine seriöse öffentliche und koordinierte Repräsentation des Themas möglich wird.
Vielleicht kann dieses Forum hierzu Ideen entwickeln und bündeln?
Viele Grüße
pro-cras

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